Stand: 12.09.2019 18:30 Uhr

Abenteuerliche Flucht in die Freiheit

Washington Black
von Esi Edugyan, aus dem Englischen von Anabelle Assaf
Vorgestellt von Katja Weise
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Der Roman erzählt die abenteuerliche Geschichte eines jungen Sklaven auf einer Zuckerrohrplantage.

Er stand im vergangenen Jahr auf der Shortlist für den renommierten Man Booker Prize und zählt angeblich zu den Lieblingsbüchern von Barack Obama: "Washington Black", der opulente Roman der kanadischen Autorin Esi Edugyan, deren Vorfahren aus Ghana stammen. Jetzt ist die Geschichte auch auf Deutsch erschienen, vom Verlag vollmundig ankündigt mit den Worten: "'Die Vermessung der Welt' trifft auf 'Underground Railroad'".

George Washington Black: Der Name des Protagonisten ist eigentlich ein Witz, nur kann darüber niemand lachen, am wenigsten der, der ihn trägt:

Getauft wurde ich auf George Washington Black - doch man nannte mich Wash. Voller Hohn behauptete mein Master, er habe in mir die Geburt einer Nation erblickt, einen Krieger und Präsidenten, ein Land der Wonne und Freiheit. Leseprobe

Kindheit als Sklave auf einer Plantage

Wash ist elf Jahre alt im Jahr 1830 und arbeitet auf einer Zuckerrohrplantage auf Barbados. Die führt der Master mit harter Hand, Sklaven sind für ihn keine Menschen: Wer nicht spurt, wird umgebracht. Doch eines Tages trifft Titch, der Bruder des Masters, auf der Insel ein. Er will hier seine Forschungen vorantreiben. Titch träumt davon, einen Wolkenkutter, ein Luftschiff zu bauen und abzuheben. Wash wird sein Assistent und Hausdiener:

Wir sammelten Regenwasser in Fässern, um dessen Säuregehalt zu testen, fingen in ebenjenen Fässern Aale, um ihre Elektrizität zu messen; wir pflückten grün gepanzerte Käfer von den Misthaufen der Viehweide, um sie in Fläschchen mit milchigem Serum zu verwahren. Titch war mir ein Rätsel. Ich war nie zuvor einem derart interessierten Geist begegnet. Leseprobe

Neue Chancen als Assistent eines Tüftlers

Titch bringt dem Jungen Lesen und Schreiben bei und stellt bald fest, dass er wunderbar zeichnen kann. Von da an ist Wash für die wissenschaftlichen Illustrationen zuständig. Doch die Situation auf der Plantage verschärft sich. Es kommt zu einem folgenschweren Unfall, die Brüder überwerfen sich. Wash und Titch müssen fliehen. Zum Glück ist das Luftschiff tatsächlich fertig geworden:

Eine riesige Feuersäule schoss hinaus in Richtung des Baldachins, und der Stoff fing an zu zittern und zu beben. Das Beben war schrecklich. Ich glaubte, das Klappern meiner Zähne bis in den Schädel spüren zu können. Mit grausamer Faszination starrte ich hoch zu dem großen schwarzen feuerschluckenden Maul. Leseprobe

Flucht in ein neues Leben

Damit beginnt eine abenteuerliche Reise, die Wash und Titch bis in die Arktis führt. Hier lebt der Vater von Titch, auch er ein Forscher:

Aber diese Kälte. Noch Jahre später träumte ich davon. Sie hatte eine Farbe, einen Geschmack - sie legte sich um den eigenen Körper wie eine unerwünschte zweite Haut, und dann fing sie kaum merklich an, sich zusammenzuzuziehen. Leseprobe

In der Arktis verliert Wash Titch, der schon vorher versucht hat, sich von dem Jungen zu trennen. Dieser ist dem Forscher im Laufe der Jahre offensichtlich zur Last geworden. Auf den flüchtigen Sklaven ist ein Kopfgeld ausgesetzt, eine gefährliche Situation, doch Wash erreicht auch allein schließlich die kanadische Ostküste, wo er einige Jahre bleibt. Bevor Titch durch eine Hintertür wieder in sein Leben tritt.

Abenteuer wie bei Jules Verne

Esi Edugyan erzählt eine opulente Abenteuergeschichte, die an Jules Verne erinnert. Gleichzeitig ist Wash ein Sklave auf der Flucht, insofern ist der Verweis des Verlages in der Ankündigung auf Colson Whiteheads Roman "Underground Railroad" nicht falsch. Doch "Washington Black" ist - wenngleich kritische Abrechnung mit diesem Kapitel der amerikanischen Geschichte - vor allem ein Roadmovie und ein spannender Pageturner.

Edugyan spart nicht mit Emotionen, auch eine Liebesgeschichte fehlt nicht. Das Ende wirkt leicht surreal, aber es ist durchaus eine Stärke des Romans, dass die Autorin nicht versucht, alle Fragen zu beantworten und das sonderbare Abhängigkeitsverhältnis zwischen Wash und Titch vollständig aufzuklären.

Was ist schon die Wahrheit über ein Leben, Titch? Ich bezweifle, dass selbst der Mann, der es lebt, die Antwort kennt. Ich hob den Kopf. Die wahre Natur des Leidens eines anderen wirst du niemals nachvollziehen können. Nein. Aber du kannst verflucht noch mal versuchen, es nicht noch größer zu machen. Leseprobe

Washington Black

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Eichborn
Bestellnummer:
978-3-8479-0665-0
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.09.2019 | 12:40 Uhr

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