Der Schriftsteller Erich Fried im Porträt. © picture alliance / IMAGNO/Votava | Votava

Erich Fried: Mehr als nur "Was es ist"

Stand: 17.05.2021 10:35 Uhr

Der österreichische Lyriker Erich Fried war ein engagierter Humanist und humorvoller Sprachkünstler. Manch einer kennt eine seiner berühmtesten Zeilen gar nicht aus einem Gedichtband, sondern aus Mias Popsong "Was es ist".

von Katrin Krämer

Wörter waren Frieds Freude. Er wusste zu allem etwas zu sagen und formte seine Gedanken permanent zu Zeilen. Manchmal dichtete es wohl einfach aus ihm heraus. So verkündete er einmal frühmorgens seiner Frau Catherine, dass er nachts schon 16 Gedichte verfasst hätte. Bei dieser Produktivität war es kein Wunder, dass auch mal Pathetisches auf Poesiealbum-Niveau herauskam. Viele Verse trafen aber den Nerv der friedensbewegten, "Nie wieder Krieg"-rufenden Generation.

Seine Leser und Leserinnen liebten Fried nicht nur wegen seiner politischen Lyrik. Populär wurden vor allem seine Liebesgedichte.

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe. aus: "Was es ist" (Erich Fried)

"Was es ist" erschien 1983 in einem seiner insgesamt über 20 Gedichtbände. Seine Shakespeare- und Dylan-Thomas-Übersetzungen wurden zu Klassikern.

"Die Groupies kamen haufenweise"

Rudi Dutschke (sitzend) und Erich Fried (stehend hinter Dutschke) in einer Gruppe von Menschen, die 1976 an einem Kongress in Frankfurt teilnehmen. © picture-alliance / dpa | dpa
Rudi Dutschke (sitzend) und Erich Fried (stehend hinter Dutschke) 1976 bei einem Kongress in Frankfurt.

Das Haus in London, in dem er mit seiner dritten Ehefrau Catherine, den drei gemeinsamen Kindern und seiner Mutter lebte, war meistens voller Gäste. Seine Fans wussten: Bei Frieds kannst du einfach klingeln und ein paar Tage pennen. "Die Groupies kamen haufenweise", erinnerte sich Catherine Fried. "Einmal fand ich eine Notiz, die er in einem Sommer geschrieben hatte: 'Bitte macht es euch gemütlich und nehmt euch aus dem Kühlschrank, was ihr braucht'."

Erich Fried kam am 6. Mai 1921 in Wien als Sohn jüdischer Eltern zur Welt. In einem Interview erinnerte er sich: "Ich hatte eine leichte Bewegungsstörung. Mein Vater sagte, ich sei nicht lebensfähig. Da habe ich kompensiert. Ich habe mit fünfeinhalb, sechs Jahren angefangen, die ersten Gedichte zu schreiben." Zudem spielte er Theater und wurde bald zum Star der Bühnentruppe.

Erich Fried: Friedenskämpfer und Antifaschist

Heinrich Böll, Erich Fried und der Rechtsanwalt Kurt Groenewold im Januar 1974 auf dem Flur im Amtsgericht Hamburg. © picture alliance / dpa | Werner Baum
Heinrich Böll (links), Erich Fried und der Rechtsanwalt Kurt Groenewold (rechts) im Januar 1974 auf dem Flur des Amtsgerichts Hamburg. Fried war wegen Verunglimpfung angeklagt, Böll fungierte als Sachverständiger im Prozess.

Der nationalsozialistische Terror ließ Frieds Eltern keine Wahl: Sie wollten emigrieren. Ihr Plan misslang. Erichs Vater wurde von einem Gestapo-Mann so schwer misshandelt, dass er starb. Die Mutter konnte noch kurz vor Kriegsbeginn zusammen mit Erich nach London fliehen. Die geliebte Großmutter wurde später im KZ Theresienstadt ermordet.

Fried mahnte und warnte zeitlebens vor Krieg und totalitären Regimes. Dass der überzeugte Friedenskämpfer und Antifaschist trotzdem eine freundschaftliche Beziehung zu einem radikalen Neonazi aufbaute, befremdete viele Freunde Frieds.

Freundschaftliche Beziehung zu Michael Kühnen

1983 wurde Michael Kühnen zunächst in die Radio Bremen-Talkshow "3 nach 9" ein-, aber dann von der Redaktion doch wieder ausgeladen. Darüber hatte sich Fried, ebenfalls zu Gast in der Sendung, empört. "Man darf nicht tun, als ob Nazis völlig andere Menschen wären", sagte er dort. "Ihn wieder auszuladen, wenn man ihn eingeladen hat, ist ganz bestimmt falsch und kleinkariert. Wir trauen uns offenbar nicht zu, mit so etwas fertig zu werden".

Er plädierte dafür, mit Rechtsextremen zu reden, und war überzeugt, dass man sie bekehren könnte. Fried blieb bis zu seinem Tod 1988 mit Kühnen in Kontakt, denn er war immer beseelt davon gewesen, Menschen zu verstehen und ihnen mit nahezu uneingeschränkte Offenheit und Liebe zu begegnen.

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