Sendedatum: 25.04.2016 22:30 Uhr

Erdogan - der begnadete Populist

Erdogan: Die Biografie
von Cigdem Akyol
Vorgestellt von Andreas Lueg

Macht das Licht an, die Türkei soll heller werden: Der Werbeslogan seiner Partei AKP hat sich unter der Herrschaft von Recep Tayyip Erdogan ins Gegenteil verkehrt: Die Türkei unter Erdogan ist für viele ein Land der Angst. Die Journalistin Cigdem Akyol beschreibt in ihrer Erdogan-Biografie die schillernde Persönlichkeit des "Chefs" - wie er sich gern nennen lässt - und erklärt schlüssig, wie aus einem Reformer der Autokrat von heute wurde, ein Mann, der Andersdenkende als Feinde behandelt. Ein Machtmensch, den Europa braucht - und fürchtet.

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Journalistin Cigdem Akyol hat eine Biografie über Recep Tayyip Erdogan geschrieben - natürlich unauthorisiert.

Der Mann hat Charisma. Er bewegt die Menschen. Millionen Türken wählen ihn, nein - sie folgen ihm. Die Buchautorin Cigdem Akyol meint, dass er ein Menschenfänger sei und dass jeder, der ihn mal persönlich erlebt habe, genau weiß, wovon sie spreche. Recep Tayyip Erdogan ist ein begnadeter Populist. Doch wehe, wenn er wütend wird - weil jemand anders denkt als er. Dann ist er maßlos im Austeilen und in seiner Kritik. Die Journalistin Cigdem Akyol hat sich lange mit dem Phänomen Erdogan befasst. In ihrem Buch porträtiert sie einen, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat - mit dem Ehrgeiz des Außenseiters.

Erdogan - ein Mann aus dem Volk

Wenn man Erdogan verstehen will, sofern das überhaupt geht, muss man wohl ins alte Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa gehen. Das ist das typische Unterschichtenviertel der Vergangenheit. In diesem Viertel ist Erdogan geboren und aufgewachsen. Hier hat er gelernt, sich auf der Straße durchzuboxen, da er als Straßenkind groß geworden ist. Er musste Sesamkringel verkaufen als Kind, um das Schulgeld zu finanzieren. Er kommt auch immer wieder hierher und beruft sich darauf, einer aus Kasimpasa zu sein, ein Mann aus dem Volk.

Erdogan als Überraschungssieger der Istanbuler Bürgermeisterwahl

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Erdogan umgibt ein Personenkult wie einst Republikgründer Atatürk.

Was natürlich absurd ist - er lebt jetzt in einem Palast mit mehr als tausend Zimmern. Der Präsidenten-Palast in Ankara ist sechsmal so groß wie das Weiße Haus und mit osmanischer Folklore auf dem roten Teppich. Dass heute er, Erdogan, dort residiert, ist eine Sensation. Einer wie er war nie vorgesehen im System des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, dem "Vater der Türken". Ein Personenkult, vergleichbar dem um Erdogan heute, umgab Atatürk: Er machte die muslimische Türkei als Präsident von 1923 bis zu seinem Tod 1938 zu einem weltlichen Land mit einem westlich orientierten Establishment. Jahrzehnte später kam er. Erdogan 1994, als Überraschungssieger bei der Wahl zum Bürgermeister von Istanbul. Inzwischen, das darf man wohl sagen, ist er der mächtigste Türke seit Atatürk.

Erst Reformer, dann Autokrat

Ein Rhetoriker, der Massen bewegt - und sich gern selbst applaudiert. Er beginnt als Reformer. Erst als Bürgermeister in Istanbul, später als Ministerpräsident: Erdogan tut etwas für Wohlstand, Bildung und Gesundheit der Türken. Und er macht sich daran, die unter Kemal Atatürk eingeführte Trennung von Staat und Religion auszuhebeln, sorgt dafür, dass fromme Studentinnen wieder Kopftuch tragen dürfen. Er hat die Frauenrechte liberalisiert und einem Teil der Gesellschaft die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.

Erdogan glaubt an Gott, aber er traut eigentlich niemandem. Ein Zeichen für Erdogans weltliche Macht: die Riesen-Moschee, die er gerade in Istanbul bauen lässt. Und in Kasimpasa, genau da, wo Recep Tayyip als Kind bolzte, steht heute ein modernes Stadion. Die Begeisterung der Fans ist groß, wenn Staatspräsident und Sturmspitze Erdogan mal wieder einnetzt. Claqueure, Jasager überall: Auch so wird aus dem Reformer der selbstbesessene Autokrat. Buchautorin Cigdem Akyol sagt: "Erdogan wurde von Wahl zu Wahl, die er gewonnen hat, selbstherrlicher und selbstverliebter, und damit schmückt er sich auch immer: 'Ich bin der Staat, ich wurde direkt vom Volk gewählt.' Was kann es Größeres geben? Man sagt in der Türkei: 'Boyun eğmedi, er hat sich nie geduckt.' Und das ist vor allem für das Nationalbewusstsein der Türken wahnsinnig wichtig und hat ihm noch mal Wählerstimmen gegeben."

Erdogans Machtwille ist bedingungslos

Und doch sieht er sich von Feinden umzingelt. Twitter, YouTube, Facebook: Wer Nichtgenehmes postet, spürt Erdogans Rache. Journalisten im Gefängnis sind schon fast keine Nachricht mehr. Bürgerproteste lässt er brutal niederschlagen: Erdogans Machtwille ist bedingungslos. Die Türkei ist unter Erdogan auch zu einem Land der Angst geworden. Die Menschen ziehen sich immer mehr zurück ins Private, weil sie fürchten, dass sie bei einer regierungskritischen Demonstration ums Leben kommen. Sie fürchten, dass sie wegen eines Facebook-Postings ins Gefängnis kommen können. Cigdem Akyols aufschlussreiche - und natürlich nicht autorisierte - Biografie macht wenig Hoffnung: Derzeit kann in der defekten Demokratie Türkei offenbar niemand Erdogan stoppen. Für Buchautorin Cigdem Akyol ist klar: "Er ist wirklich ein Machtpolitiker, der aus dem Bauch heraus handelt und dessen Agenda heißt: Recep Tayyip Erdogan."

Erdogan: Die Biografie

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Biografie
Verlag:
Herder 2016
Bestellnummer:
978-3-451-32886-2
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 25.04.2016 | 22:30 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Erdogan-Die-Biografie,erdogan226.html
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