Stand: 29.12.2015 14:11 Uhr  | Archiv

Emile Zola: "Germinal"

In 25 Folgen der Wissensreihe "Große Romane der Weltliteratur" streifen wir durch die Geschichte des Romans von den Anfängen bis in die Gegenwart. In dieser Folge dreht sich alles um Emile Zolas "Germinal".

Von Hanjo Kesting

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Émile Zolas Roman "Germinal" erschien 1885.

Dass Literatur die Welt verändern kann, diese These ist ebenso oft leidenschaftlich verfochten wie in Zweifel gezogen worden. Kaum ein Autor hat aber so unmittelbar Einfluss ausgeübt und Veränderung bewirkt wie Émile Zola mit seinem Roman "Germinal". Das Buch, erschienen 1885, mitten im unechten oder nicht ganz echten Glanz der Belle Époque, war ein Hauptwerk des europäischen Naturalismus und unter den vielen großen Romanen dieses französischen Schriftstellers wahrscheinlich der größte.

Germinal ist der Frühlingsmonat, wörtlich der "Keim-Monat", des französischen Revolutionskalenders. Zola benutzte den Namen, hundert Jahre nach der großen Revolution, als symbolischen Hintergrund für seine Darstellung eines Bergarbeiterstreiks im nordfranzösischen Kohlenrevier. Der Streik wird blutig niedergeschlagen, kündigt aber, fast mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses, die bevorstehende soziale Revolution an, die Befreiung des Proletariats. "Dieses Keimen würde bald die Erde sprengen" lautet der letzte, prophetische Satz des Buches.

Sonnenlicht dringt über eine Deckenöffnung in die dunkle Einhornhöhle im Harz. © NDR Fotograf: Jens Klemp

Zolas "Germinal"

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Kaum ein Autor hat so unmittelbaren Einfluss ausgeübt und Veränderung bewirkt wie Émile Zola mit seinem Roman "Germinal". In der Reihe NDR Kultur Wissen stellen wir das Buch vor.

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"Germinal" war der dreizehnte Roman des auf zwanzig Bände angelegten Zyklus der "Rougon-Macquart", mit dem Zola auf der Grundlage einer weitverzweigten Familiengeschichte ein umfassendes Bild seiner Epoche entwarf, des französischen Kaiserreichs unter Napoleon III. - Zola nannte sie eine "merkwürdige Epoche, voll Wahnsinn und Schande". Für die Niederschrift der zwanzig Bände brauchte er ebenso viel Zeit, wie das Kaiserreich Bestand gehabt hatte, nämlich zwanzig Jahre. Das Resultat war ein episches Monumentalwerk, so reich an Zeit und Wirklichkeit wie sonst im neunzehnten Jahrhundert nur Balzacs "Menschliche Komödie".

Zur Handlung

Auch der Held von "Germinal", der junge Mechaniker Étienne Lantier, gehört der Familie der Rougon-Macquart an. Er ist der uneheliche Sohn einer Alkoholikerin, der in den Kohlengruben von Montsou Arbeit findet und dort das materielle und moralische Elend seiner Klasse erlebt: die Fron unter Tage, Hunger und Hitze, Kinderarbeit, Grubenkatastrophen, Löhne unterhalb des Existenzminimums.

Émile Zola wurde am 2. April 1840 geboren und starb am 29. September 1902 in Paris.

Als eine weitere Lohnminderung angekündigt wird, organisiert Étienne einen Streik, der monatelang dauert und für die Grubengesellschaft zur Katastrophe zu werden droht, bis sie belgische Arbeiter unter Militärschutz als Streikbrecher einsetzt und beim unvermeidlichen Zusammenstoß die Streikenden, darunter Frauen und Kinder, niederschießen lässt. Der Kampf der Bergleute gegen die Grubengesellschaft scheint vorerst verloren, doch der Wille zum Widerstand ist ungebrochen. Étienne reist nach Paris, um diesem Willen durch gewerkschaftliche Organisation ein festes Fundament zu geben.

Epische Kraft und dokumentarische Sachlichkeit

Zola hat diese, hier allzu vereinfacht erzählte, Fabel des Romans zwar erfunden, nicht aber das Milieu, in dem sie angesiedelt ist. "Germinal" entstand unter dem Eindruck eines blutig niedergeschlagenen Bergarbeiterstreiks 1884 in Nordfrankreich, den der Schriftsteller als Augenzeuge miterlebte und mit protokollarischer Genauigkeit im Roman verarbeitet hat. Er verzichtet auf Schwarzweißmalerei, macht aus den Arbeitern keine idealisierten Wesen, zeigt vielmehr ohne Beschönigung, wie die soziale Misere aus Menschen Bestien macht. Die Grubenbesitzer wiederum erscheinen nicht als blanke Ausbeuter, sondern als aufgeschlossene Unternehmer, die die innere Logik des kapitalistischen Fortschritts vertreten.

So entstand weit mehr als eine authentische Sozialreportage, nämlich ein Buch von erschütternder Eindringlichkeit und visionärer Symbolik. Zolas epische Kraft und fast dokumentarische Sachlichkeit, aber auch die Wucht seines Pathos verhindern, dass man den Roman heute, von der Höhe der digitalen Revolution, vor allem als historischen Roman liest. "Germinal" beweist, dass nichts dem literarischen Verfall und der historischen Nivellierung besser widersteht als die Genauigkeit des Hier und Jetzt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.01.2016 | 15:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Emile-Zola-Germinal,weltliteratur104.html

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