Stand: 07.01.2020 21:11 Uhr  - NDR Info

Emanuel Maeß erhält Mara-Cassens-Preis 2019

von Heide Soltau

Das Hamburger Kulturjahr beginnt traditionell mit der Verleihung des Mara-Cassens-Preises im Literaturhaus. Die Leserjury, bestehend aus Mitgliedern des Literaturhauses, hat sich in diesem Jahr für den Debütroman von Emanuel Maeß entschieden. "Gelenke des Lichts" hat der 42-Jährige sein Buch genannt und zitiert damit Rainer Maria Rilke. Es erzählt vom Erwachsenwerden und der Selbstfindung eines jungen Mannes und einer Liebe ohne Erfüllung.

Ein unsterblich verliebter Ich-Erzähler

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Für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres 2019, "Gelenke des Lichts", erhält der Autor den Mara-Cassens-Preis.

Emanuel Maeß erzählt eine doppelbödige, mitunter sehr komische und auch unwirkliche Geschichte. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der Ich-Erzähler, der unsterblich verliebt ist, aber damit zufrieden scheint, dass er die Geliebte meistens nur anbeten darf.  

"Das ist sicherlich auch ein bisschen beschränkt, das muss man ganz klar sagen", bestätigt Maeß. "Aber er hat da sein Geheimnis gefunden, wie er ganz gut durchs Leben kommt. Der lebt ja so ein bisschen in so einem spätromantischen Phantasma, das sich ergibt aus der Nische, in der er groß wird."

Aufgewachsen ist der Ich-Erzähler in einem Pfarrhaus im ländlichen Thüringen an der Werra. Die Geliebte begegnet ihm im Urlaub auf Usedom 1989, im letzten Sommer der DDR. Da ist er elf und das Mädchen gerade einmal neun Jahre alt. Angelika Schmidtbauer heißt sie, mehr weiß er zunächst gar nicht von ihr. Aber das spielt keine Rolle. So kann er sich alles ausmalen. Dabei bleibt es, auch wenn er ihr später als Jugendlicher und junger Erwachsener ein bisschen näherkommt und sie einmal sogar eine Nacht miteinander verbringen. Angelika entzieht sich, aber der Ich-Erzähler hält unbeirrt an seiner Liebe fest. Er kann alles Mögliche in sie hineinprojizieren. Über diese Liebe bekomme er quasi eine ganz andere, neue Welt geschenkt, so der Autor.

"Eigentlich sind es Selbstgespräche"

Der Roman "Gelenke des Lichts" ist ein 250 Seiten langer innerer Monolog in Form eines Zwiegesprächs mit Angelika. Der erwachsene Ich-Erzähler erinnert sich an seine Liebe zu ihr und erzählt der fernen Lichtgestalt von seinem Suchen, Werden und Wachsen, dem Studium der Literaturwissenschaft in Heidelberg, Berlin und Cambridge und von allem, was ihn bewegt: Literatur, Philosophie und Musik.

Das kenne man ja, sagt Maeß, besonders in sehr intensiven Freundschaften und Liebschaften, dass ein Gespräch an irgendeinem Punkt abbricht unbefriedigend sei und man führe im Grunde ein Gespräch mit dieser Person weiter fort. "Eigentlich sind es Selbstgespräche."

Man muss nicht alles wissen

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Für "Gelenke des Lichts" hat Emanuel Maeß lange einen Verleger gesucht und im Wallstein Verlag gefunden (Preis: 20 Euro, ISBN: 978-3-8353-3439-7).

Literarisch und philosophisch Gebildete finden in diesem Roman reichlich Stoff, Platon, Petrarca, Augustinus, Goethe, Rilke, Nietzsche. Aber keine Sorge, man braucht kein Lexikon, um "Gelenke des Lichts" zu verstehen. Man kann und man muss nicht alles wissen, betont Emanuel Maeß: "Genauso wie ein Vers, der einem nicht immer ganz klar ist, aber doch wirken kann, kann auch manchmal so ein Bildungsfragment oder eine Richtung andeuten, ohne dass ich das bis zum Schluss ergründe."

Dieser Bildungsroman will nicht mit Bildung protzen, sondern zeigt, wo wir herkommen, auf welchem kulturellen Erbe wir stehen. "Es geht um die Herleitung eines Charakters, oder eines Menschen, einer Seele." - Emanuel Maeß hat viele Jahre nach einem Verleger für seinen Roman gesucht, bis er schließlich beim Wallstein Verlag gelandet ist, der Heimat des letztjährigen Büchner-Preisträgers Lukas Bärfuss. Auch Emanuel Maeß wird noch viele Auszeichnungen bekommen. Der Mara-Cassens-Preis ist nur der Anfang. Eines aber sollte man bei Lesen dieses Romans beherzigen: Man sollte sich Zeit lassen.

Lektüre mit Tempo 30

Mein Vater zum Beispiel kam während seiner ersten Lektüre nicht so recht voran, weil er darauf fixiert ist, was passiert in dem Buch. Deswegen musste er das zweimal lesen. Dann hat er gesagt: Du musst eigentlich eine Geschwindigkeitsbegrenzung haben, du musst eigentlich vorn schreiben: nur Tempo 30 oder so.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 07.01.2020 | 15:55 Uhr

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Emanuel Maeß erhält Mara-Cassens-Preis 2019

07.01.2020 19:30 Uhr
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Im Literaturhaus Hamburg wird Emanuel Maeß für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres 2019 mit dem traditionsreichen Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet. mehr