Stand: 14.03.2019 16:58 Uhr

Else Buschheuers Rohrreinigungsbuch

Hier noch wer zu retten?
von Else Buschheuer
Vorgestellt von Amelia Wischnewski
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Fast manisch versucht die Autorin, ihren Mitmenschen zu helfen. Das geht manchmal gründlich daneben.

Else Buschheuer war Fernsehmoderatorin, hat ein Zertifikat zur Domina gemacht, ebenso wie zur Familienaufstellung und zur Sterbehelferin. Das erste Buch der quirligen Sächsin, namens "Ruf! Mich! An!", wurde von der Presse als Pop-Roman gefeiert. Darin zieht eine snobistisch-sarkastische Anti-Heldin durch ein Berlin der Jahrtausendwende. 19 Jahre und einige Romane später steht die Autorin woanders. Sie kämpft gegen eine Erblindung und mit einem selbst attestierten Helfersyndrom. In ihrem ersten Buch seit sechs Jahren fragt sie "Hier noch wer zu retten?"

Ehrlich und selbstzerstörerisch

Radikal ist ein Wort, das häufig im Zusammenhang mit Else Buschheuer fällt. Erbarmungslos, ehrlich bis zur Selbstzerstörung. So ist es auch die Autorin selbst, die ihre heimlichen Motive analysiert: "Ich habe das Buch geschrieben, weil ich sozusagen das Gefühl hatte, ich muss, bevor ich den nächsten Roman schreibe, das Rohr reinigen. Und das war mein Rohrreinigungsbuch."

Knapp fünf Jahre sind seit dem Freitod ihres Mannes vergangen. Er erschoss sich mit einer Smith & Wesson auf der Terrasse vor dem Haus. Ob sie je wieder schreiben würde, fragte Buschheuer sich in der Zeit danach. Sie hat es getan. In ihrem neuen Buch erleben wir eine Dazwischen-Buschheuer. Schwankend zwischen der gewohnt kaltschnäuzigen Bissigkeit und einer Sehnsucht nach Altersmilde.  

Ein Obdachloser vorm Tempeleingang. Er zittert am ganzen Leib. Er riecht nach Scheiße. Seine Ohren sind dreckverkrustet, seine Kopfhaut von einer Flechte überzogen. Ich frage ihn, ob er Durst hat. Er nickt. Also gehe ich wieder hoch und mache ihm eine Tasse Tee. Er riecht daran. "Ich kann das nicht trinken, girl", sagt er und gibt sie mir zurück. Ich hocke eine Weile da, ratlos, die Teetasse in der Hand, und schweige mit ihm. Dann bietet er mir von seinem Schnaps an. "Ich trinke nicht", sage ich. Ich frage ihn, ob er mit reinkommen will, ein Bad nehmen. "Ich bade nicht", sagt er und lächelt zahnlos. "Du siehst, girl, wir passen nicht zusammen." Leseprobe

Rücksichtsloses Helfersyndrom

In ihrem autobiografischen Buch "Hier noch wer zu retten?" sucht Buschheuer offensiv nach Menschen, denen sie helfen kann. Auf der Straße, im Altenheim, im Urlaub. Sie lädt sie auch zu sich nach Hause ein. Doch alle Episoden enden damit, dass Buschheuer die Kontrolle verliert. Oder dass das Bild, das sie sich von ihren Opfern gemacht hat, nicht mehr mit der Wirklichkeit zusammen geht. Wie die Episode, als sie eine indische Masseurin aus Polen zu sich nach Berlin holt. Sie will auch deren Tochter nachholen. Verwirft den Plan aber schon am zweiten Tag des Probe-Aufenthaltes.

Vielleicht weil der erste Tag mit ihnen irre anstrengend und irre teuer zugleich war. Vielleicht weil ich enttäuscht bin von ihrer Oberflächlichkeit und Gier, vor allem aber von ihrem klirrenden Desinteresse an mir als Person. Ursprünglich hatte ich Nila mit meinen Lebensumständen vertraut machen wollen, und ich weiß auch nicht, wie es hatte geschehen können, dass ich plötzlich eine auswechselbare reiche Tante mit fettem Entertainmentprogramm war. Leseprobe

Die Autorin scheint nur um sich selbst zu kreisen

Buschheuer geht auf Selbstfindungstour - kann sich aber nur über andere erleben. So stolpert sie von einer Helfer-Episode zur nächsten. Sie absolviert Praktika in Altenheimen, beginnt eine Ausbildung zur Pflegerin, gibt Kaffee aus in der Bahnhofsmission. Manche Kapitel sind nur wenige Sätze kurz. Zeitliche und örtliche Übergänge sind nicht existent. Das strapaziert die Leserin, die irgendwann nicht mehr bereit ist, der Autorin zu folgen, die sich nur noch um sich selbst zu drehen scheint.

Die Autorin fragt sich: "Für wen mache ich das? Mache ich das wirklich aus einem Impuls heraus oder will ich, dass andere sagen: Boah, das ist aber toll, dass Du das machst! Ist das narzisstisch? Oder ist das eine Überforderung der eigenen Person? Habe ich einfach zu viel Energie? Sollte ich mich das alles gar nicht fragen und einfach machen?"

Kritisch, kritischer, Buschheuer. Das Rohrreinigungsbuch dient der Autorin hoffentlich dazu, den verknoteten Klumpen Selbstzweifel aus ihrem Denken zu ätzen. Wenn dann alle Rohre wieder frei gepustet sind, freuen wir uns lieber auf den nächsten Roman der unverzichtbaren Else Buschheuer.

Hier noch wer zu retten?

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Heyne
Bestellnummer:
978-3-453-20288-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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