Stand: 07.07.2020 11:08 Uhr

Elke Erb erhält den Georg-Büchner-Preis 2020

Porträt der deutschen Dichterin Elke Erb. Fotografiert 2013 in Berlin. © Imago Images / gezett
Elke Erb, die heute in Berlin lebt, wird für ihr "unverwechselbares und eigenständiges schriftstellerisches Lebenswerk" geehrt. Der Georg-Büchner-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert.

Selbst wenn der Literaturbetrieb in einer Art Sommerpause schwebt, hat er doch immer noch aufregende Nachrichten für uns: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat am Vormittag bekannt gegeben, wer in diesem Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird, dem renommiertesten Preis für deutschsprachige Literatur. Es ist die Erzählerin und Lyrikerin Elke Erb. Im Gespräch mit Moderatorin Petra Rieß gibt Alexander Solloch aus der NDR Kultur Literaturredaktion Einschätzungen zu dieser Entscheidung.

Elke Erb, kein unbekannter Name, aber auch keiner, der in aller Munde wäre. Helfen Sie uns auf die Sprünge, wer ist diese Frau?

Alexander Solloch: Sie ist vor allem eine Dichterin für Poeten, also eine Lyrikerin, die vor allem in der eher kleinen Welt der Lyrik sehr anerkannt, sehr beliebt ist. Aber sie trägt keinen Namen, der über diese Grenzen hinaus sehr vielen etwas sagen würde. Und sie reiht sich in die Riege der - mit Verlaub - durchaus eher älteren Preisträgerinnen und Preisträger ein, derjenigen also, die erkennbar für ihr Lebenswerk geehrt werden. Das ist hier ganz klar der Fall. Das hat es zuletzt 2014 gegeben, als Jürgen Becker mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, was damals auch einige erstaunt hat.

Elke Erb ist 82 Jahre alt, 1938 geboren, stammt aus einem kleinen Ort in der Eifel. Als sie elf Jahre alt war, entschied ihr Vater - ein überzeugter Sozialist -, dass die Familie in die DDR übersiedelt. Sie hat dann als junge Frau als Lektorin im Mitteldeutschen Verlag gearbeitet und schwer daran gelitten, was das für DDR-Propagandabücher waren, die in diesem Verlag immerzu gedruckt wurden. "Solche unsinngen Manuskripte", hat sie gesagt. Und dieser "Unsinn" brachte sie zunehmend in Opposition zum herrschenden System, zur Partei, von der sie dann auch zunehmend bedrängt und gegängelt wurde, je mehr sie selbst schrieb. Sie hat dann, nachdem sie ihre Angestelltentätigkeit aus Ekel beendet hat, angefangen, selbst zu schreiben, als Übersetzerin aus dem Russischen und dann zunehmend auch eigene Gedichte. Und diese Gedichte taten nicht das, was von der Lyrik damals verlangt wurde. Es war keine Gebrauchslyrik mit den Losungen des Tages. Sie ist eine sehr prozessuale Dichterin, eine Dichterin, die auch viele Wandlungen durchgemacht hat. Ihre Lyrik ist bis heute sehr innerlich geblieben, eine Lyrik des Einzelwesens, des Individuums, das in in diese merkwürdige Welt geworfen ist und sich wundert. Insofern auch eine sehr politische Lyrik, aber eine, die der Politik nicht dienstbar wäre.

Hat Sie die Entscheidung überrascht, Elke Erb mit dem Büchner-Preis auszuzeichnen?

Solloch: Ja, ganz und gar. Was aber nicht heißt, dass es eine falsche Entscheidung wäre. Ich dachte gestern vorm Einschlafen eigentlich, Abbas Khider, der wunderbare deutsch-irakische Schriftsteller, wird den Büchner-Preis bekommen. Er hat die deutsche Sprache in den letzten 20 Jahren als jemand, der sie - aus dem Irak kommend - erst erlernen musste, wahnsinnig bereichert.

Man hat sich nun für Elke Erb entschieden. Das ist vielleicht auch eine Art Preisträgerinnen-Preis. Sie ist schon, obwohl sie jetzt nicht wahnsinnig prominent wäre, mit wichtigen Preisen bedacht worden. Sie hat den Peter-Huchel-Preis bekommen, den Heinrich-Mann-Preis, den Georg-Trakl-Preis. Und nun also als späte Würdigung ihres Gesamtwerks und als Gipfel ihres Schaffens, den Georg-Büchner-Preis.

Kurz und gut: eine gute Entscheidung?

Solloch: Ich selbst habe die Elke-Erb-Lektüre in den letzten Jahren doch ein wenig vernachlässigt. Insofern möchte ich mich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Was man aber über ihre Lyrik sagen kann: Das ist ein flirrendes, ein untergründiges, ein doppelbödiges Schreiben. Die Sprache schwingt. Es ist nicht immer alles klar. Sie wehrt sich aber sehr dagegen, dass man ihr Sprachspielerei und damit nur so halbe Seriosität unterstellte. Sie meint, die Sprache lebt. Es ist Leben. Es ist konkret. Es ist nicht Spielerei. Es ist also ein reiches Gesamtwerk, auf das sie zurückblickt und mit dem wir uns auch durchaus noch intensiver beschäftigen wollen in nächster Zeit. Wir haben ja noch ein bisschen Zeit bis zum 31. Oktober, wenn ihr der Preis verliehen wird. Wir dürfen auch auf ihre Dankesrede gespannt sein, weil man ja von diesen Dankesreden auch immer eine Art Ansage für den Tag erwartet, ein paar Gedanken, die uns vielleicht auch in unserer Gegenwart weiterbringen können.

Ich würde schon sagen, es ist ein verdienter Preis. Sicherlich bekommt die Deutsche Akademie für diese Auszeichnung keinen Originalitätspreis. Den hätte sie vielleicht bekommen, wenn Abbas Khider ausgezeichnet worden wäre. Aber dafür ist ja noch Zeit.

Interview
Elke Erb © picture alliance/Gerald Zoerner/Kulturamt Stadt Fellbach/dpa Foto: Gerald Zoerner

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 07.07.2020 | 10:20 Uhr

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