Stand: 10.06.2020 13:25 Uhr

"City of Girls" - Charmanter Roman über die Freiheit

von Andrea Heußinger

Elizabeth Gilbert hat schon viel erlebt: Die Eltern hatten eine Weihnachtsbaumschule, sie war zwei Mal mit Männern verheiratet, bevor sie sich dann in eine Frau verliebte, (die allerdings vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist). Ihren Job in einer New Yorker Bar namens Coyote Ugly machte Gilbert zum Thema einer sehr erfolgreichen Kolumne, die später auch verfilmt wurde.

Elizabeth Gilbert: "City of Girls" © S. Fischer
Die Autorin erzählt von spannenden Jahren an einem kleinen Theater in New York.

Ihren bislang größten Erfolg landete die Autorin Elizabeth Gilbert vor mehr als zehn Jahren mit einem autobiografischen Roman. "Eat, Pray, Love" hieß ihr Werk, das erst als Buch und dann in der Verfilmung mit Julia Roberts in der Hauptrolle ein Riesenerfolg wurde. Gilbert erzählt darin von ihren Erlebnissen auf einem Selbstfindungstrip quer durch Italien, Indien und Indonesien.

Unabhängige Frauen sind Gilberts Thema. Nach weiteren autobiografischen Büchern sowie einem Roman erzählt sie in ihrem neuesten Werk die Lebensgeschichte einer Frau, die mindestens so viel erlebt hat, wie sie selbst.

Schmalzige Revuen begeistern die 19-Jährige in New York

Im Sommer 1940 kommt die junge Vivian Morris nach New York. Nachdem sie gerade frisch vom College geflogen ist, schicken sie ihre konservativen Eltern zu ihrer Tante Peg, die in Midtown Manhattan ein Theater betreibt. Das Lily Playhouse ist ordentlich in die Jahre gekommen und auf seichte und schmalzige Revuen für die Arbeiterklasse spezialisiert. Was für eine Umgebung für eine naive, verwöhnte 19-Jährige aus der Provinz. Vivian jedenfalls ist begeistert!

Binnen zwei Wochen nach meinem Umzug in die Stadt hatte sich mein Leben vollkommen verändert. Die Veränderungen umfassten unter anderem den Verlust meiner Jungfräulichkeit - eine schrecklich amüsante Geschichte, die ich dir gleich erzählen werde, Angela, wenn du nur noch einen Augenblick Geduld mit mir hast.
Denn zunächst möchte ich sagen, dass sich das Lily Playhouse von allen Welten, die ich bis dahin bewohnt hatte, ganz und gar unterschied. Es war die elektrisierende Verkörperung von Glamour, Wagemut, Chaos und Spaß - mit anderen Worten, eine Welt voller Erwachsener, die sich wie Kinder benahmen. Leseprobe

Als alte Dame erzählt Vivian von ihrer bewegten Zeit

Kopfüber stürzt sich das hübsche Mädchen in sein neues Leben. Tagsüber schneidert Vivian, die meisterhaft nähen kann, die Kostüme für die ständig wechselnden Shows, nachts zieht sie mit dem glamourösesten der Revuegirls um die Häuser - trinkt, tanzt und erlebt sexuelle Abenteuer noch und noch.

Als hochbetagte Dame schreibt sie all diese Erlebnisse auf - für eine gewisse Angela, von der man erst gegen Ende erfährt, um wen es sich handelt. Viele schräge und aufregende Gestalten tummeln sich im Lily Playhouse. Doch keiner kann es mit der hochrangigen englischen Theaterschauspielerin aufnehmen, die irgendwann dort strandet.

Das neue Stück wird ein großer Erfolg

Edna Parker Watson kann nicht in ihre Heimat zurück, weil dort mittlerweile der zweite Weltkrieg tobt. Um ihr ganzes Können zur Geltung zu bringen, muss ein neues Stück her, etwas anderes als bislang:

"Ich möchte, dass Ednas Figur Mrs Alabaster heißt", sagte Peg. "Das klingt prätentiös, und es reimt sich vieles darauf." "Raster, Pflaster, Master, Damit kann ich arbeiten." "Mach es eine Nummer größer. Am Anfang, nachdem Mrs Alabaster ihr ganzes Geld verloren hat, sollte das Lied übermäßig wortreich daherkommen, um zu zeigen, wie vornehm sie ist. Versuch's mit längeren Reimwörtern. Trostpflaster. Herbstaster. Zoroaster." "Oder wir lassen im Refrain eine Reihe von Fragen durchlaufen", schlug Benjamin vor. "So was wie: Welches Laster? All ihr Zaster? Muss jetzt Knast her?" "So ein Desaster! Immer abgegraster!" "Krise und Herzkasper - die arme Alabaster." Leseprobe

Die Handlung spritzig und rasant, die Dialoge schmissig, manchmal übermütig: Die Anleihen bei den zu der Zeit so beliebten Screwball-Comedies sind mehr als offensichtlich. Das neue Stück heißt "City of Girls" und wird tatsächlich der erste (und einzige) Hit für das Theater. Alles läuft wunderbar, bis Vivian eine riesige Dummheit begeht. Danach verändert sich ihr Leben vollständig.

Plaudereien über Sex und andere brisante Themen

Cathlen Gawlich leiht der Hörbuchversion des Romans ihre zauberhafte Stimme. In diesen wird man reingesogen, dann ordentlich durchgewirbelt - und gegen Ende mit einer Erkenntnis wieder ausgespuckt.

"Es kommt der Punkt im Leben einer Frau, an dem sie es leid ist, sich ständig nur zu schämen. Danach steht ihr frei zu werden, wer immer sie wirklich ist." Leseprobe

Wer große Literatur erwartet, wird enttäuscht sein. "City of Girls" ist einfach nur äußerst unterhaltsam, charmant und noch dazu fesselnd geschrieben. Sicherlich könnte man Gilbert eine gewisse Oberflächlichkeit vorwerfen, aber hier geht es nun einmal ums Showbusiness. Nicht nur allerdings: Sehr offen und ehrlich plaudert die Protagonistin über Sex, doch auch brisante Themen werden behandelt: der Krieg und seine Folgen, die Ungleichbehandlung der Geschlechter, Gewalt gegen Frauen. "City of Girls" ist ein Roman über Freiheit, über die Verwirklichung von Träumen - und eine Geschichte für Girls aller Art.

City of Girls

von
Seitenzahl:
496 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-002476-3
Preis:
16,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.06.2020 | 12:40 Uhr

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