Stand: 31.07.2020 09:33 Uhr

Weinberger, unbarmherziger Chronist der USA

von Jan Ehlert
Eliot Weinberger: "Neulich in Amerika" (Buchcover) © Berenberg
Eliot Weinberger beobachtet seit langem die politischen Ereignisse in den USA und hat Ungeheuerlichkeiten aus 20 Jahren zusammengetragen.

Der US-amerikanische Publizist Eliot Weinberger durchforstet für seine Bücher normalerweise uralte Schöpfungsmythen und Gedichte früher Völker. In Mexiko wird er genauso verehrt wie in Albanien und auch bei uns in Deutschland. Nur in seiner Heimat, den USA, ist Weinberger weitaus weniger bekannt. Dabei beobachtet er auch Amerika bereits seit Jahren als unermüdlicher und unbestechlicher Chronist der politischen Ereignisse. Einige seiner Texte über die USA, die in den vergangenen 20 Jahren entstanden sind, hat der Berenberg Verlag nun als Sammlung herausgeben.

"It is my profound honour to be the first president in history to attend the 'march for life'." (Donald Trump)

Ein US-Präsident bei einer Großversammlung der Abtreibungsgegner: Solche irritierenden Bilder sind seit dem Machtantritt von Donald Trump keine Seltenheit mehr. Auch nicht die unbewiesenen Behauptungen und Beschimpfungen, mit denen Trump seine Gegner überzieht. Zum Beispiel, dass Demokraten Babys auch nach der Geburt noch töten würden.

"(...) that he would execute a baby after birth, you remember that?" Zitat aus "Neulich in Amerika"

Es ist vielen in Europa fremd geworden, dieses Amerika. Aber ist es das wirklich erst seit Trump?

Kaum war George W. Bush Präsident geworden, legte er alle Kreidefresserei schleunigst ab. Zum Justizminister, dem wichtigsten innenpolitischen Posten im Kabinett, bestellte er den ehemaligen Gouverneur und Senator John Ashcroft. Ashcroft, der als das rechteste Mitglied des Senats bekannt war, hat sich gegen jede Form der Empfängnisverhütung ausgesprochen. Angeblich glaubt er, dass der Mord an einem Arzt, der Abtreibungen durchführt, eine zu rechtfertigende Tötung ist. Zitat aus "Neulich in Amerika"

Texte aus der Amtszeit von Präsident Bush

Details wie diese lassen einem beim Lesen neuen Buches von Eliot Weinberger immer wieder erschrocken aufhorchen. Es sind größtenteils keine neuen Texte, die meisten entstanden bereits zur Amtszeit Bushs. Umso mehr fragt man sich: Kann das sein? Haben wir damals nicht gesehen, wie konservativ es in den USA zugeht? Und während man noch dabei ist, das Gelesene einzuordnen, vielleicht als Einzelfall abzutun, legt Weinberger nach.

Gayle Norton, die neue Innenministerin, weigerte sich als Justizministerin von Colorado, Umweltverschmutzer unter Anklage zu stellen, setzt sich vehement dafür ein, in den Nationalparks Bergbau und Ölbohrungen zu erlauben. Sie glaubt nicht, dass die globale Erwärmung von Menschen gemacht ist, und sie ist bizarrerweise dagegen, Gesetze zum Verbot von Blei in Farben zu erlassen. Zitat aus "Neulich in Amerika"

Das schrieb Weinberger bereits im Januar 2001. Vor den Attentaten vom 11. September, also noch bevor der "Kampf gegen den Terror" die US-Politik zu dominieren begann. Und bevor die USA mit den erfundenen Beweisen über die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins in den Irak-Krieg zogen. Eine Entscheidung, für den auch der damalige Präsident Bush bereit war, Opfer zu bringen.

Zur Demonstration eines persönlichen Opfers und seiner Entschlossenheit, den Krieg gegen den Terror zu gewinnen, verzichtete er einige Tage, bevor er den Einmarsch im Irak verkündete, auf Nachtisch und Süßigkeiten. Zitat aus "Neulich in Amerika"

Eliot Weinberger sagt: "Ich habe nur eine einzige Regel, die ich immer befolge: Ich erfinde nichts. Alles, was ich an Informationen weitergebe, kann nachgeprüft werden. Das ist mir sehr wichtig, denn besonders die sogenannten Post-Modernisten vermischen gern Fakten und Fiktionen. Alles in meinen Essays ist wahr, insofern, als es jemand anderes gesagt hat oder es handelt sich um eine wissenschaftlich verbürgte Tatsache."

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Ein unbarmherziger Chronist über die Republikaner

Und genau das macht die Texte von Weinberger so stark. Er lässt Andere sprechen, stellt Aussage gegen Aussage. Auch in einem Langgedicht über den Irakkrieg, geschrieben 2005, mit dem TItel: "Was ich hörte vom Irak".

"Ich versuche, den Essay über seine herkömmliche Form hinauszuheben, um damit dann eine Geschichte des Irakkrieges zu dokumentieren. Und im Fall von "Was ich hörte vom Irak" erschien es mir einfach effektiver, die Informationen in einer Serie von treffenden Zitaten beziehungsweise sprachlichen Bildern zu präsentieren, ohne dass ich mich in irgendeiner Form darüber auslasse, warum der Irakkrieg ein schrecklicher Irrtum ist und ohne dass meine eigene Meinung überhaupt explizit auftaucht. Aber selbstverständlich kommt meine Meinung darin zum Ausdruck, wie ich das Material auswähle und arrangiere." (Eliot Weinberger) Zitat aus "Neulich in Amerika"

Das gilt auch für die Komposition dieses Buches. Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidat Joe Biden werden nicht erwähnt. Vorgeführt und bloßgestellt werden hier die Republikaner. Skandale und Verfehlungen demokratischer Politikerinnen und Politiker tauchen nicht auf, dabei hätte man auch bei ihnen fündig werden können.

Doch die Summe der Ungeheuerlichkeiten, die Weinberger als unbarmherziger Chronist über die Republikaner zusammengetragen hat, spricht für sich selbst. Und gegen die USA - die, zu diesem traurigen Schluss kommt man nach der Lektüre, uns noch viel, viel fremder sind als gedacht.

"And I can only say, our work on this movement is now really just beginning. And I love this country. Thank you, thank you very much." (Donald Trump)

Neulich in Amerika

von Eliot Weinberger
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berenberg
Bestellnummer:
978-3-946334-69-9
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.07.2020 | 12:40 Uhr

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