Stand: 20.11.2017 11:30 Uhr

Versuch über Vergil

Chaonias Tauben
von Eckart Kleßmann
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Kleßmann erhielt für seine Darstellungen historischer Themen 1998 den Lion-Feuchtwanger-Preis der Berliner Akademie der Künste.

Der 1933 geborene Schriftsteller Eckart Kleßmann ist einigen Lesern bekannt durch seine Gedichte, ein fabelhaftes Hamburg-Buch, biografische Arbeiten zu Christiane Vulpius, Caroline Schlegel, E.T.A. Hoffmann, Brockes oder Telemann. Etliche Leser schätzen seine Autobiografie "Über dir Flügel gebreitet", die in seine Heimatstadt Lemgo führt. Welchen Bogen sein gesamtes Werk umspannt, zeigt sich jetzt in seinem neuen Buch "Chaonias Tauben. Versuch über Vergil".

Frühe Liebe zu Vergil

1949 - im Alter von 16 Jahren - begegnete Eckart Kleßmann den Versen des römischen Dichters Vergil und ist seitdem nie wieder von ihm losgekommen: "Als ich 1963 mein erstes Buch veröffentlicht habe, da habe ich mir vorgenommen, ich werde meine Laufbahn als Schriftsteller mit einem größeren Essay über Vergil beenden. Und das habe ich jetzt getan."

Kleßmann macht sich keine Illusionen, dass er für sein Buch nur wenige Leser finden wird. Vergil ist in Vergessenheit geraten. Heute wird Vergil gern als nicht mehr zeitgemäßer Dichter gesehen: "Es ist aber ganz erstaunlich, wie modern Vergil darüber schreibt, dass Menschen nur etwas schaffen können, indem sie vorher unendliche Gewalt anwenden", findet der Autor. "Das ist so verblüffend aktuell, dies zu lesen, auch vor allem, wenn er beschreibt, wie sein Held Aeneas, der ja so etwas wie eine Idealgestalt ist, durch den Krieg immer mehr verroht. Er verliert die Gewalt über sich. In einer bestimmten Szene begeht er Verbrechen, die eigentlich überhaupt nicht zu ihm passen. Und Vergil will mit dieser Szene zeigen, was der Krieg in einem Menschen anrichtet und sei er noch so edel und tugendhaft."

Über Vergils Leben und sein Werk

In seinem Essay beschreibt Kleßmann nicht nur das Werk, sondern fasst zusammen, was man über das Leben des Dichters Vergil heute weiß, der...

...am 15. Oktober 70 vor Christus, in einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Mantua zur Welt gekommen ist. Der Vater hat einen kleinen Landbesitz gehabt, zweifellos auch Imkerei betrieben, denn die Bienen spielen ja eine ganz große Rolle in Vergils Werk. Immerhin muss der Vater so vermögend gewesen sein, dass er seinen Sohn zunächst einmal auf eine höhere Schule in Cremona geschickt hat und etwas später zur weiteren Ausbildung nach Rom. Vergil sollte zunächst eine Ausbildung als Rhetor und als Anwalt machen. Er hat festgestellt - er war ein sehr, sehr introvertierter, zurückgezogener scheuer Mensch - , dass ihm dieser Beruf überhaupt nicht lag, und ist nach Neapel gegangen, wo der Epikureer Siron eine Philosophenschule unterhielt, um dort bei ihm zu studieren. Leseprobe

Man muss ihn laut lesen

Die Gedichte, die Vergil schuf, hat Eckart Kleßmann sein Leben lang geliebt - genauso wie Goethe. Und bis heute ist er überzeugt: "Man muss ihn laut lesen, um einfach seine Schönheit kennenzulernen, die Klangfülle seiner Verse, und weil natürlich manches im Lateinischen präziser ist. Denn so präzise wie das knappe Latein, kann auch die beste deutsche Übersetzung nicht sein."

Vergil hat in einer Zeit gelebt, die in vieler Hinsicht mit der unseren verglichen werden kann, in einer Zeit erfüllt von Blut, Grauen und Sterben, die aber auch eine Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs war. Eckart Kleßmann gibt uns, um dies zu entdecken, mit seinem Essay einen Schlüssel in die Hand, der gerade ein Weilchen in den unergründlichen Schubladen der Literaturgeschichte verschusselt worden ist.

Chaonias Tauben

von
Seitenzahl:
156 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Aisthesis
Bestellnummer:
978-3-8498-1246-1
Preis:
24,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.11.2017 | 12:40 Uhr

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