Stand: 04.12.2017 10:30 Uhr

Wie Schatten von Atomblitzen

Zündkerzen
von Durs Grünbein
Vorgestellt von Joachim Dicks

"Seine Bilder sind Röntgenbilder, seine Gedichte Schatten von Gedichten, aufs Papier geworfen wie vom Atomblitz. Das Geheimnis seiner Produktivität ist die Unersättlichkeit seiner Neugier auf die Katastrophen, die das Jahrhundert im Angebot hat."

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Der 1962 geborene Autor lebt und arbeitet in Berlin und Rom.

Lang, lang ist es her, dass der Dramatiker Heiner Müller die Gedichte von Durs Grünbein so charakterisiert hat. Es war 1995 bei der Laudatio auf den gerade einmal 33-jährigen Autor bei der Vergabe des Georg-Büchner-Preises. Durs Grünbeins Neugier ist immer noch unersättlich, nur richtet sie sich längst nicht mehr nur auf die Katastrophen unseres Jahrhunderts. Wovon auch sein jüngster Gedichtband Zeugnis ablegt.

Ein Gedichtband wie eine Ausstellung

Es gehört längst zum Konzept des Lyrikers Durs Grünbein seine Gedichtbände einzurichten wie ein Kurator eine Ausstellung. Die Kapiteleinteilung entspricht dabei einer Art Raumaufteilung. Dieses Mal sind es acht Kapitel und nur eines hat eine Überschrift, das sechste nämlich heißt wie das Buch "Zündkerzen". Die erste Zündkerze heißt "Allgemeine Verschärfung" und beginnt gleich mit einer Warnung:

Allgemeine Verschärfung
Aufgepasst! Wir verschärfen jetzt das Gedicht.
Alles was Sie schreiben, kann gegen Sie verwendet werden,
Alles was Sie nicht schreiben, auch. Leseprobe

Die Idee, als Lyriker wie ein Ausstellungsmacher vorzugehen, ist bei Grünbein keineswegs neu: "Ich habe irgendwann einmal gesagt: Ich bedauere das sehr, dass es keinen Louvre für Gedichte gibt. Wir wissen, dass es quer durch die Literatur sehr große, wichtige Gedichte gibt, die vielleicht in ihrer Funktion oft über das einzelne Gemälde hinaus gingen. Das ist mir immer klarer geworden, dass es große literarische Texte, eben auch Gedichte gibt, die nachher ungeheuren Einfluss auf die Geschichte der Bildenden Künste, der Malerei hatten."

Schwerpunkt Lyrik

Der Schriftsteller und langjährige Verleger Michael Krüger schrieb einmal von der "deprimierenden statistischen Tatsache, dass 99,4 Prozent der Deutschen die Lektüre auch nur eines einzigen Gedichts als lebensbedrohliche Zumutung" empfänden. Für die sehr viel mehr mindestens überzeugungsbereiten Leser stellt NDR Kultur in dieser Woche lyrische Neuerscheinungen vor.

Grünbein kombiniert Fotografien mit Worten

Roma, caput mundi, die "offene, vom Denken verlassene Stadt" ist dem in Dresden geborenen, bald nach Berlin übergesiedelten Dichter längst zur zweiten Heimat und Inspirationsquelle geworden. Das Stamm-Gedicht, um das sich alle anderen Kapitel wie Äste und Blätter ranken, heißt "Das Photopoem" und kombiniert Fotografien der ewigen Stadt mit Wort-Bildern, Impressionen und Reflexionen. Sie sind bereits vorbereitet durch andere Gedichte wie "Michelangelos Nase" oder "Römische Ungereimtheiten":

 

Michelangelos Nase
Hier krochen Remus, Romulus aus dem Schilf.
Heute fährt im Mercedes die Brutusbrut.
An jeder Ecke bettelt ein Afrikaner um Hilfe,
Man schmeichelt dir gratis. Tut das nicht gut?
Rom ist die Bruchform, die nicht mehr zerbricht:
In ihr liegt die Gegenwart aufgebahrt.(...) Leseprobe

Römische Ungereimtheiten
Totes Altertum lockt die müde Jugend an.
Flugzeuge schweben herein übers nahe Meer.
Dein Smartphone erklärt dir: Wer, wo und wann.
Mit jedem Jahr wiegt die Ewigkeit schwerer. Leseprobe

Ringen mit der Ewigkeit

Ja, die Ewigkeit. Mit ihr ringt dieses lyrische Ich. In Zwiesprache mit Signora Ricordi, die sprudelnde Quelle der Erinnerungen. Durs Grünbein hat sich in seinem Werk tief verwurzelt mit der Antike, insbesondere der römischen. Schwer, metaphern- und anspielungsreich hat er sich oft verhüllt und verkleidet.

Spätestens seit seinem autobiografischen Prosabuch "Die Jahre im Zoo" über seine Kindheit und Jugend in Dresden, gefällt ihm zusätzlich der unverstellte Blick, in dem die Ewigkeit altert und zugleich im Alltäglichen verjüngt. In der "Gespenstersonate" zum Beispiel:

Gespenstersonate
Am Sonntag findet das Erdbeben statt. Mittags,
Wenn alle im Warmen sitzen zur besten Sendezeit.
Die Wände tanzen Tango, die Bilder wackeln.
An ihren Haken, auf den Hügeln stirbt eine Stadt.
Letzte Vorbereitungen zum Schweigen. Du atmest.
Nachts im Wasser der Badewanne schrumpft
die Welt (res extensa) zum gurgelnden Loch. Leseprobe

Humor und Pessimismus

Humor und Witz und Ironie gehen Hand in Hand mit Düsternis und Pessimismus. Wie würde Herr Grünbein reagieren, trüge man ihm einst den Literaturnobelpreis an? Das sind so Fragen.

Vom Erlernen alter Vokabeln
Die Wörter schlafen nicht in den Wörterbüchern.
Sie ziehen um den Block, ziellos, spielen mit Munition
Wie Kinder, die Krieg in sich tragen lang nach dem Krieg.
So hatten wir nicht gewettet, Herr Nobel, dass Dynamit
Alles austauschbar macht in Materie, Moral, Malerei. Leseprobe

Überlebensperspektive in Sprachgewittern

Eine Zündkerze erzeugt in Ottomotoren die für die Zündung des Kraftstoff-Luft-Gemisches nötigen Zündfunken. Sie steht auch als pars pro toto für das untergehende Automobil-Zeitalter. Grünbein zeigt ihre Überlebensperspektive in Sprachgewittern. Wenn das Auto längst Geschichte ist, werden diese Zündkerzen den Sprachmotor immer noch antreiben:

Aus einem Buch der Schwächen
Das klingt alles nach freier Improvisation:
Etüden für ein Spielzeugklavier - haltloser Vers.
Und Haltlosigkeit heißt: Wir sterben
Unmerklich, und plötzlich macht es uns Freude,
So zu leben, als ob wir unsterblich wären,
Während Schrift uns eindämmt, und jedes
Einzelne Wort ist zentral. Nun fang an,
Schreib ein Buch deiner täglichen Schwächen. Leseprobe

So heißt es im allerersten Gedicht dieser "Zündkerzen". Es verspricht, was es hält: ein starkes Buch über tägliche Schwächen. "Was nun? Wie soll ich den Tag verbringen, da die Weltausstellung zu Ende ist?" heißt es dann auf der letzten Seite. Der Leser fragt den Autor vorwurfsvoll zurück: Was nun? Wie soll ich den Tag verbringen, da die "Zündkerzen" zu Ende sind? 

Zündkerzen

von
Seitenzahl:
152 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42753-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.12.2017 | 12:40 Uhr

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