Stand: 13.01.2020 12:13 Uhr  - NDR Kultur

Vom Wunsch begehrt zu werden

Three Women - Drei Frauen
von Lisa Taddeo, aus dem Amerikanischen von Maria Hummitzsch
Vorgestellt von Marie Schoeß

Kaum ein nicht-fiktionales Buch wurde im vergangenen Jahr so eingehend besprochen wie Lisa Taddeos "Three Women". Das Buch erschien im englischsprachigen Raum im vergangenen Sommer und konnte damals von der #MeToo-Debatte profitieren. Nun erscheint das Buch hierzulande: "Drei Frauen".

Lisa Taddeos Aufreger-Buch "Drei Frauen"

Bücherjournal -

Mit ihrem Sensationsdebüt "Three Women - Drei Frauen" ist Lisa Taddeo in den USA einer der ganz großen Sachbuch-Hits gelungen. Wie gut ist das Buch tatsächlich?

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Taddeo widmet sich in dem Buch ganz den Sehnsüchten von drei Frauen. Sehr offen und teils recht explizit beschreibt sie, was diese Frauen begehren. Frauen, die im Leben immer wieder die Fassung wahren, stillhalten, wenn sie eigentlich aufbegehren wollen. Taddeo hatte dazu jahrelang recherchiert. So passte das Buch gut hinein in eine gesellschaftliche Stimmung, in der unverbrauchte, mutige Stimmen gefragt waren, um alte Muster aufzubrechen.

Ein Bericht aus dem Leben dreier Frauen

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Die Autorin war sogar umgezogen, um ein möglichst umfassendes Stimmungsbild weiblichen Begehrens zu erhalten.

Wäre dieses Buch ein Roman, dürfte man ihm vorwerfen, dass er hier und da unplausibel wirkt, und dass er allzu existenzielle Bilder heranzieht, um vom Begehren zu erzählen. Auch wird nicht klar, ob und wie die individuellen Geschichten aufs Allgemeine verweisen, was ja wohl der heimliche Anspruch jedes Romans ist. Nur will dieses Buch gar kein Roman sein, sondern der intime Bericht aus dem Leben dreier Frauen. Die Autorin will ihnen nah kommen und das bedeutet: nah an ihrer Wahrnehmung und ihrer Sprache bleiben.

Sie sagt: "Ich wollte, dass jede Frau darin ihre eigene Stimme behält und es zudem eine übergreifende Erzählstimme gibt. Diese Stimme sollte möglichst clean sein - clean im Sinne von schmucklos. Aber auch frei von Meinungen und Urteilen. Einfach: die Wiedergabe ihrer Leben."

Vorurteilsfreie Herangehensweise

Für den Leser wiederum bedeutet das: Dem Einzelfall wird mit dem Verweis auf das Allgemeine immer unrecht getan. Man hüte sich, etwas gegen eine "Es-geht-hier-um-Leben-und-Tod-Rhetorik" einzuwenden. Während ein Liebesroman doch einer gewissen Logik folgen sollte, kann man in der Realität nur mit den Schultern zucken und murmeln: Wird wohl so gewesen sein, wenn Liebende von Handlungen berichten, die einem zumindest heikel begründet erscheinen. Das sei den Geschichten vorausgeschickt, die Lisa Taddeo aufgeschrieben hat, Geschichten von Maggie, Sloane und Lina:

Linas Mutter hat Linas Vater früher immer eingespannt, Dinge im Haus zu reparieren, was Lina schon im Kindesalter als Kniff ihrer Mutter verstand, sich für seine mangelnde Liebe entschädigen zu lassen. Nun macht sie es mit Ed genauso. Wenn er einen ganzen Monat lang nicht mal versucht, mit ihr zu schlafen, bittet sie ihn, die Garage aufzuräumen. Leseprobe

"Drei Frauen": Gespräche über Liebesdinge

Lina sehnt sich danach, ihr Mann könnte sie wieder einmal küssen, sie begehren und flüchtet sich schließlich in eine zumindest sexuell befreiende Affäre. Maggie beginnt eine Beziehung mit ihrem Lehrer, der Leser aber lernt die junge Frau erst kennen, als die beiden bereits vor Gericht stehen. Dann ist da noch Sloane, die vor ihrem Mann mit anderen Männern schläft.

Noch mehr als diese drei Frauen interessieren den Leser aber die anderen, namenlosen Gestalten, die von außen die geschilderten Leben beäugen: die Bekannten zum Beispiel, denen Lina einfach nicht verständlich machen kann, warum ihr Mann keine Lust auf Sex haben sollte, wenn sie nicht etwas falsch gemacht hätte. Und natürlich die Leserinnen selbst, die sich ein ums andere Mal dabei ertappen dürften, wie sie über die weibliche Lust und die Sprache dieser Lust urteilen.

Lisa Taddeo: Weibliches Begehren bleibt oft ungesagt                                       

"Wir reden viel darüber, was wir nicht wollen, aber ich glaube, gerade zeigt sich auch die Kehrseite: Wir reden nicht darüber, was wir wollen", meint Taddeo. "Männliches Begehren ist ein Fakt seit Jahrhunderten. Selbst wenn Männer etwas Schlechtes begehren, heißt es: Na gut, er ist eben ein Mann. Bei Frauen ist es anders - ihr Begehren zu beschreiben fällt schwerer, weil die Leute davon nichts hören wollen."

Lisa Taddeo setzt in diesem Buch ganz auf die Treue zu den Frauen, zu ihren Stimmen und Sichtweisen. Der Leser schaut nicht nur durchs Schlüsselloch, sondern jede Ecke fremden Lebens ist hier ausgeleuchtet - ein Verdienst der Autorin. Doch hätte dem Buch eine literarischere Schreibweise gutgetan.

Manchmal deutet sich eine solche an - wenn Taddeo an der Perspektive dreht, mit Nähe und Distanz spielt, wenn Sagenstoffe anklingen. Damit lässt sich literarisch wunderbar arbeiten und vor allem überraschen. Taddeo aber bleibt bei Ansätzen stehen, weil sie sich am Ende selbst nicht befreit von den Stimmen der Frauen und damit vom wahren Leben, das immer weniger lustvoll und weniger aufschlussreich ist als das literarisch verdichtete.

Three Women - Drei Frauen

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05982-4
Preis:
22,00 €

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