Stand: 25.05.2017 12:00 Uhr

Brunetti - Commissario seit 25 Jahren

Stille Wasser
von Donna Leon, aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Vorgestellt von Andrea Heußinger

Einer der berühmtesten Kommissare Europas feiert Dienstjubiläum! Seit 1992 ist Commissario Guido Brunetti in Venedig Heucheleien und Korruption auf der Spur. Er hat schon Alt-Nazis, Sex-Touristen und Pädophile überführt und Giftmüll-Skandale aufgedeckt, ist Bestechung, schlechtem Umgang mit Asylbewerbern, Rauschgiftverkauf an Minderjährige auf die Spur gekommen. Urheber sind nicht selten die honorigsten Bürger der Stadt und meist kommen sie am Ende ungeschoren davon. Beziehungen eben - oder raffinierte Anwälte, die die Unzurechnungsfähigkeit des Übeltäters beweisen.

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Anstatt sich zu erholen, kommt Commissario Brunetti einem großen Fall auf die Spur.

Seit mittlerweile 25 Jahren veröffentlicht die Amerikanerin Donna Leon einmal im Jahr einen Brunetti-Roman. Immer landen sie auf den Bestsellerlisten und werden in mehr als 30 Sprachen veröffentlicht - nur nicht auf Italienisch. Denn Donna Leon will weiter unerkannt ein normales Leben in der Stadt führen, in der sie seit 1981 lebt und in der Brunetti nun seinen 26. Fall lösen muss: "Stille Wasser".

Brunetti bekommt einen Schwächeanfall

Was für ein arroganter Typ! Anwalt, aus einer der einflussreichsten Familien Venedigs. Auf einer Party soll der Mann einer jungen Frau Tabletten verabreicht haben - nun ist sie tot. Der Raum ist überhitzt, Venedig erlebt gerade den - Zitat - "heißesten Juli seit Menschengedenken". Da ist es eigentlich gar nicht so verwunderlich, dass Brunetti mitten in der Befragung plötzlich zusammenbricht.

Das Stöhnen schwoll zu einem schrillen Wimmern an, als habe er furchtbare Schmerzen. Brunetti stemmte sich mühsam hoch, rang qualvoll keuchend nach Luft. Die anderen beiden fuhren erschrocken zusammen und starrten ihn an. Brunettis ganzer Körper wurde von einem Schmerz erfasst, der ihn zur Seite taumeln ließ. Den Arm hoch erhoben, kippte er nach links und fiel auf Pucettis Schulter, der von seinem Stuhl aufgesprungen war. Leseprobe

Auch wenn es ganz und gar nicht so klingt: Wie wir gleich darauf erfahren, war der Schwächeanfall eigentlich nur ein Ablenkungsmanöver, weil Brunettis Kollege Pucetti drauf und dran war, dem überheblichen Anwalt an die Gurgel zu gehen. Nichtsdestotrotz wird Brunetti ins Ospedale Civile gebracht - und bemerkt plötzlich, wie ausgebrannt er ist.

Zur Erholung auf die Insel

Die Ärztin schreibt ihn krank und wenige Tage später findet er sich auf der kleinen Insel Sant'Erasmo wieder: mitten in der Lagune, auf einem Anwesen, das einer Tante seiner Frau gehört, und von einem Hausverwalter namens Davide Casati gepflegt wird. Hier soll er zwei Wochen ausspannen.

Da sich herausstellt, dass Casati ein alter Freund von seinem Vater ist und mit diesem einst eine Regatta gewonnen hat, hat Brunetti sofort einen Ruder-Partner. Casati nimmt ihn mit auf seine Streifzüge, an völlig entlegene Stellen in der Lagune, wo er an mehreren Stellen Bienen hält:

Vor dem dritten, dem grünen Bienenstock, war das Summen leiser. (...) Brunetti erkannte sofort, dass dort viel weniger Bienen waren, fast gar keine, und die wenigen verbliebenen bewegten sich nur schleppend, offenbar ziellos. (...) Casati schüttelte den Kopf und legte den Rahmen beiseite. Dann zog er unten aus dem Kasten eine Schublade. Unzählige tote Bienen lagen darin. Bei ihrem Anblick entrang sich Casati ein Stöhnen. (...) "Das sollte nicht passieren". Leseprobe

Zum fünften Mal liest Joachim Schönfeld die Hörbuch-Version des Romans. Auch diesmal tut er das mit Bedacht. Das passt gut zu der Story, die zunächst angenehm plätschert wie das Wasser in der Lagune.

Beunruhigendes Bienensterben

Casati nennt die Bienen "seine Mädchen", die sterben, weil er ihnen etwas angetan habe - und macht noch weitere kryptische Bemerkungen. Während Brunetti sie noch als Fantastereien abtut, ist dem Leser längst klar, was passieren wird ... Und tatsächlich: Nach einem heftigen Unwetter ist Casati samt seinem Boot verschwunden, Brunetti macht sich auf die Suche:

Hand über Hand schleiften sie den Anker über den Meeresgrund, und das Seil rollte sich zu ihren Füßen auf. Er sah nach der Stelle, wo das Seil im Wasser verschwand, und fragte sich, ob Casati diesmal nicht den Eisenrost, sondern etwas noch Schwereres, das mehr Sicherheit bot, als Anker benutzt hatte, spähte hinein, und da sah er die Hand. Leseprobe

Auch diesmal greift Donna Leon aktuelle Themen auf: Das Bienensterben, die Zerstörung der Natur durch den Menschen, die Touristenmassen in der Stadt. Auch diesmal muss der Leser sich damit abfinden, dass am Ende zwar einiges ans Licht kommt, vieles aber ungeklärt bleibt - und die Schuldigen einmal mehr ungeschoren davonkommen. Das muss man mögen. Dann ist "Stille Wasser" ein neuer Brunetti - in altbewährter Manier.

Stille Wasser

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-06988-4
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.05.2017 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Donna-Leon-Stille-Wasser,stillewasser102.html

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