Stand: 05.12.2019 16:00 Uhr  - NDR Kultur

Roman vom Satiriker Dirk Stermann

Der Hammer
von Dirk Stermann
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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In Österreich hat Dirk Stermann fast Kult-Status erreicht.

In Österreich werden Deutsche hinter vorgehaltener Hand gern "Piefkes" genannt - was nicht gerade als Liebeserklärung gemeint ist. Außer den zahlreichen zahlenden Touristen, die reichlich Geld in die Alpenrepublik bringen, gibt es aber einen Ausnahme-"Piefke" mit Star-Status, der sehr wohl geliebt wird: den Satiriker Dirk Stermann. Eine veritable TV- und Bühnengröße mit mittlerweile auch ansehnlicher Bibliografie: Nach anfänglich vor allem satirischen Veröffentlichungen legt Dirk Stermann mit "Der Hammer" jetzt einen historischen Roman vor.

Wenn der Schmäh eine Erfindung der Österreicher ist, also dieses genüssliche Lustigmachen über alles und jeden, dass es dem Zuhörer oder Leser die Lachtränen in die Augen treibt, dann ist der Stermann-Dirk ein Vollblut-Österreicher, der vor bald 55 Jahren im falschen Körper - in dem eines Deutschen, eines Duisburgers - auf diese komische Welt kam.

Diesen Geburtsfehler hat er vor mehr als 30 Jahren korrigiert, indem er nach Österreich zog, wo er heute zusammen mit Christoph Grissemann das wohl bekannteste, beliebteste und beste Satire-Duo der Alpenrepublik bildet: Dirk Stermann ist in ganz Österreich weltberühmt!

Häme und Spott ziehen sich durch den Roman

Wenn nun dieser Dirk Stermann in seinem neuen Roman "Der Hammer" mit diebischer Freude, mit triefender Häme und beißendem Spott die frühere und irgendwie auch heutige Bigotterie der streng katholischen Alpenrepublik durch den orientalischen Kakao zieht, dann meint man fast zu spüren, welch diabolischen Spaß er dabei an seinem heimischen - also österreichischen - Schreibtisch entwickelt hat.   

Stermann porträtiert in seinem neuen, zunächst einmal gar nicht wirklich satirischen Roman "Hammer" einen, den die Österreicher in ihrer Besoffenheit von all dem Kaiserlich-Königlichen in der Ahnengalerie ihrer ganz Großen fast vergessen haben: Freiherr Joseph von Hammer-Purgstall, geboren 1774 in Graz, seinerzeit "Grätz" genannt - eine Trutzburg des Katholizismus, wie der Rest des Kaiserreiches.

"Grätz ist ein Bollwerk der Christenheit und der Grätzer ein Soldat Christi", antwortete der Jesuitenpfarrer, der stolz darauf war, dass seine Kirche in diesem Jahr zur Domkirche erhoben worden war. Die beiden standen nahe beim Südportal, wo das Landplagenbild hing, auf welchem Pest, Türken und Heuschreckenplage dargestellt waren.

Wann immer Joseph mit dem Vater und den Geschwistern den Dom besuchte, standen die Kinder lange Zeit vor dem Bild und schauderten. Was war schlimmer? Pest, Türken oder Heuschrecken? Leseprobe

Aufwachsen in der katholischen Steiermark

Leider wird in Stermanns Roman nicht ganz klar, warum sieben von acht Hammer-Kindern vor Schreck und Ekel erstarren - Türken, Pest und Heuschrecken! -, nur einer nicht: der Joseph.

Joseph war der Älteste der acht Geschwister. Er hatte keine Angst. Nicht vor der Pest, nicht vor den Türken und schon gar nicht vor Heuschrecken. Er hatte Angst davor, so klein zu werden, wie sein Vater es jetzt war. Angst, nicht der Joseph Hammer zu werden, der in ihm schlummerte. Dass ihn niemand erwecken, nicht das Feuer in ihm entfacht würde. Leseprobe

Josephs Berufswunsch entsteht in der Kirche

Dazu reicht ein bisschen christliche Kirchenmusik - und schon beschließt Joseph mitten im Dom:

Dieses Orgelspiel machte alles deutlich. Er wusste, was er werden wollte. Durch welche Tür er gehen würde. Er öffnete die Augen und sagte zu seinem Vater: "Ich möchte Orientalist werden!" Leseprobe

Und Joseph wird nicht irgendein Orientalist. Er wird ein Vorzeige-Orientalist. Schon als Jugendlicher lernt er Sprachen, als wäre es nichts - und berichtet seinem Vater davon:

"Ich beherrsche nun", schrieb er weiter, "Hebräisch, Russisch, Arabisch, Türkisch, Persisch, Griechisch, Lateinisch, Italienisch, Französisch und Englisch. Spanisch habe ich mir nun auch noch beigebracht, weil ich Don Quixote im Original lesen wollte. Wird das reichen? Werde ich jemals genug gelernt haben und belesen genug sein?" Leseprobe

Großes Talent für Fremdspachen

Er wird. Und er wird nicht. Seine Karriere im damals kulturell weit überlegenen Orient - literarisch, architektonisch, musikalisch, wo die riesigen Bibliotheken überquellen vom Weltwissen aller Glaubensrichtungen - wird traumhaft, seine Übersetzung des "Diwan des Hafis" vorbildhaft für Johann Wolfgang von Goethe und dessen West-östlichen Diwan, seine Übertragung der "Märchen aus 1001 Nacht" bis heute maßstabsetzend - und doch: der Zweifel wird immer an Hammer-Purgstall nagen.

Da mag er von Metternich bis Napoleon allen Größen seiner Zeit begegnen, da mag er in damals nahezu unvorstellbarem Ausmaß die Welt bereisen, da mag er vom biedermeierlichen Muff bis zum revolutionären Sturm alle gesellschaftlichen Wetter durchleben, mag er zu akademischen Ehren ohnegleichen kommen, am Ende bleibt der nagende Zweifel. Was ohne Zweifel den Reiz dieser tollen Geschichte ausmacht, die Dirk Stermann da ausgegraben hat und fulminant erzählt, halb dokumentarisch, im Stile besten Infotainments. Etwas weniger lexikalisches Wissen und etwas mehr Nähe zum Hammer-Joseph hätte der Geschichte allerdings gutgetan.

Der Hammer

von
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04701-6
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.12.2019 | 12:40 Uhr

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