Stand: 03.11.2017 14:00 Uhr

Auf den Spuren ehemaliger Nomaden

Nomads Land
von Dieter Seitz
Vorgestellt von Stefanie Groth

100 Jahre Oktoberrevolution - in der kommenden Woche jährt sich das historische Ereignis, genauer: am 7. November 2017. Vor 100 Jahren galt in Russland noch der julianische Kalender, man schrieb den 25. Oktober - deshalb der Name. Die Revolution brachte die Bolschewiki an die Macht; es folgten Einparteienherrschaft, Bürgerkrieg, Gründung der Sowjetunion 1922.

Von Anfang an war auch Kasachstan Teil der Sowjetunion. Das Land erlebte unter sowjetischer Herrschaft eine Hungerkatastrophe, aber auch eine massive Industrialisierung. Wie sieht es heutzutage in der Ex-Sowjetrepublik aus - nun, 100 Jahre nach der Oktoberrevolution und 25 Jahre nach der Unabhängigkeit? Der Bildband "Nomads Land - The Kazakhstan Project" geht dieser Frage nach.

Kasachstan 100 Jahre nach der Oktoberrevolution

Bröckelnde Hausfassaden und marode Baustellen

Dichter Nebel zieht über das Land, man kann kaum mehr als zehn Meter weit sehen. Der eisige Wind peitscht über die schneebedeckten Felder. Schnee, so weiß und unberührt, kein einziger Fußabdruck ist zu sehen - und doch muss jemand hier gewesen sein. In einem der kümmerlichen, blattentleerten Baumwipfel am Feldrand wehen bunte Stofffetzen. Rot. Grün. Lila. Orange. Blau.

Der Herbst hat die Birkenblätter in bunte Farben getaucht. Ein älterer Herr sitzt am Waldrand auf einer provisorischen Bank, blickt über die kilometerweite Brachfläche, die sich vor seinen Füßen erstreckt. Dahinter, weit entfernt, ragen Plattenbau-Komplexe in den Himmel.

"Nomad's Land", Land der Nomaden, so der Titel des Bildbandes über Kasachstan. Nomad's Land - Niemandsland, geht es einem durch den Kopf, wenn man durch die Seiten blättert. Kaum ein Mensch zu sehen, nirgends. Reist man mit diesem Buch durch Kasachstan, fällt einem vor allem eines auf: die Vorliebe der Kasachen, Freiflächen zuzukleben - mit Tapeten, die Palmenstrände oder Bergpanoramen zeigen. Sehnsuchtsbilder, hinter denen sich bröckelnde Hausfassaden oder marode Baustellen verstecken.

Geheimnisvolle ehemalige Sowjetrepublik

Reist man tatsächlich durch Kasachstan, durchquert man zwei Zeitzonen, so gewaltig sind die Ausdehnungen des Landes, das sich vom Osten Europas bis nach Asien an die Grenze Chinas erstreckt. Von der Fläche das neuntgrößte Land der Erde, so groß wie Westeuropa. Mit einer Bevölkerung von gerade einmal 18 Millionen Menschen. Kein Wunder, denkt man, dass die Fotografien so entvölkert wirken, die Dieter Seitz in den vergangenen acht Jahren in Kasachstan gemacht hat. Seine Bilder zeugen aber nicht nur von der landschaftlichen Weite, sondern auch von der hohen Abwanderung aufgrund der Wirtschaftsflaute.

"'Nomad's Land' ist die Geschichte einer Suche. Weshalb Kasachstan? Mein Interesse hatte verschiedene Ausgangspunkte: zum einen die Beschäftigung mit der Transformationsforschung der 1990er-Jahre, zum anderen Begegnungen mit Menschen, Erlebnisse, die dem Geschehen dort ein Gesicht verliehen hatten", erzählt der Fotograf. "All dies führte schließlich zum Entschluss, dieser aus der Distanz geheimnisvollsten der ehemaligen Sowjetrepubliken tatsächlich näher zu kommen und der Spur ehemaliger Nomaden und anderer Völkerschaften in diesem multi-ethnischen Land zu folgen."

Seitz sucht die sich verändernde Volkskultur in Kasachstan im Alltag der Menschen, auf der Straße, in den Landschaften, an Gebäuden, Denkmälern, auf Körpern und in Gesichtern abgezeichnet.

Gesellschaft zwischen Kontinuität und Wandel

Eine Braut lässt sich von ihren Freundinnen fotografieren. Sie wirkt etwas deplatziert in dieser kargen Landschaft, mit ihrem schneeweißen Prinzessinnenkleid, das vor lauter Tüll, Spitze und langem Schleier wenig von der dunkelhaarigen Frau selbst sehen lässt. Ihr Bräutigam sitzt mit seinen Freunden etwas abseits, am Fuße eines Denkmals, das einen sowjetischen Düsenjet zeigt.

"Immer, wenn man glaubt, die Dominanz der Sowjet-Ära in einer Stadt, an einem Ort noch ganz deutlich zu spüren, dann tauchten daneben ganz andere Einflüsse und Symbole auf, kasachische, turkmenische oder die des westlichen Konsum-Kapitalismus", sagt Seitz. Egal wohin man blättert, es scheint, als wäre die Zeit stehen geblieben. Auch in Astana, der Hauptstadt. Ein Dubai in der Steppe mit viel Glas und Beton. Eine komplette Kopie verschiedenster architektonischer Vorlagen: Mailand, London, Moskau. Modern, aber trotzdem auf seltsame Art entrückt.

Am 16. Dezember 1991 erklärte die Republik Kasachstan als letzte Sowjetrepublik ihre Unabhängigkeit. Seitdem übt sich die kasachische Gesellschaft im Spagat zwischen Kontinuität und Wandel. Eine Suche ist dieser Bildband. Auf der Suche scheint auch Kasachstan, noch gefangen, zwischen Tradition und Moderne, Peripherie und Zentrum. Eine Gesellschaft im Umbruch.

Nomads Land

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Text(e) von Markus Kaiser - Deutsch, Englisch
Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Bestellnummer:
978-3-7757-4363-1
Preis:
40,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 05.11.2017 | 17:40 Uhr

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