Stand: 10.11.2019 11:50 Uhr

Roman über Michael Ende von Charlotte Roth

Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit
von Charlotte Roth
Vorgestellt von Anja Dolatta

Bisher waren es vor allem Frauenschicksale, die die Berliner Autorin Charlotte Roth interessierten, so etwa in ihrem Debütroman "Als wir unsterblich waren" von 2014. In ihrem neusten Buch aber steht erstmals ein Mann im Mittelpunkt, ein Schriftsteller, der Kinderbücher für Erwachsene schrieb: Michael Ende, einer der meistgelesenen deutschen Autoren, wäre am 12. November 2019 90 Jahre alt geworden.

Bild vergrößern
Roths Roman ist keine Biografie, aber folgt der Philosophie von Michael Ende: einen Fuß in der Wirklichkeit und einen in Phantásien.

Charlotte Roth hat das Jubiläum zum Anlass genommen, sich dem Menschen zu nähern, der Momo, Jim Knopf und Bastian Bux erdacht hat und trotz seines überwältigenden Erfolges zeitlebens um Anerkennung ringen musste. "Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit" lautet der Titel der Romanbiografie.

Wenn man bei Michael nur auf die Oberfläche blickte, mochte man glauben, einen verlorenen Jungen vor sich zu haben, bedeckt mit Reben und Blättern und im Mund letzte Milchzähne. Einen verlorenen Jungen, der vor dem Zwang, der Welt als Erwachsener die Stirn zu bieten, in ein Nimmerland hinter den Wolken davonlief. Einen Eskapisten. Leseprobe

Außenseiter in seiner Fantasiewelt

Der Hang zu bildmächtigen Fantasiewelten, aber auch zum Außenseitertum ist Michael Ende in die Wiege gelegt: Sein Vater Edgar ist Maler, dessen surrealistische Visionen faszinieren und erschrecken, sich jedoch kaum verkaufen, die Mutter Luise eine belesene Träumerin, die den trostlosen Alltag in einer Münchner Atelierwohnung mit Märchengestalten füllt. Zusammen bilden sie eine Dreieinigkeit, die ihre geheime Welt der Fantasie gegen Eindringlinge verteidigt - vor allem gegen die Realität eines erstarkenden Nationalsozialismus. Der kleine Michael lernt früh, dass er die Bilder in seinem Kopf besser für sich behält.

Eine Zeitlang trugen sie im Land Gu, das Hartmut "die Wildnis" nannte, schwere Wackersteine zusammen und errichteten daraus Burgen und Barrikaden. Nazis und Sozis könne man damit spielen, erklärte Hartmut, und über das Mauersims hinweg Steine nach Feinden schleudern. Michael hätte lieber Burgherr und Raubritter gespielt, aber wichtiger war ihm, dem Freund eine Freude zu machen. Zudem entdeckte er recht schnell, dass er sich seine eigene Welt in Hartmuts Welt hineindenken konnte, ohne dass sich am Spielgeschehen etwas ändern musste. Leseprobe

Die inneren Bilder helfen in schweren Zeiten

Während des Krieges werden die inneren Bilder zu einem Zufluchtsort, an dem Michael Ende immer wieder geistige Rettung findet. Viele von ihnen werden in seine Literatur einfließen, etwa der Schildkrötenpanzer, in den sich sein Vater vor bornierten Kunsthändlern flüchtet oder die braunen Herren des Hitler-Regimes, die sich nach dem Krieg in graue Herren verwandeln und im Verborgenen weiterwirken.

Michael Ende sieht sich nicht als Kinderbuchschreiber

1952 begegnet Ende der Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, einer "Kindlichen Kaiserin", in die er sich verliebt. Sie wird nicht nur seine Frau, sondern auch seine Lektorin, die ihn unentwegt zum Schreiben ermutigt, den Literaturkritikern zum Trotz, die ihn in eine ganz bestimmte Ecke stellen:

Für Kinder. Das Etikett hing ihm an. Zweifellos hätte niemand Bertolt Brecht vorgeworfen, er würde verspielt, substanzlos, naiv und in zeitvergeudenden Abzählreimen schreiben! Und wenn er tatsächlich begann, für Kinder zu schreiben, wenn ein Bilderbüchlein für kleine Kinder das erste Buch wäre, das im Druck von ihm erschien? Etwas Harmloses, ein hübsches Abenteuer. Er musste das von sich weisen! Aber das Wort Abenteuer war ein Funke, der in sprödes, zu lange ausgetrocknetes Holz schlug.

Was als kurze Bilderbuchgeschichte anfängt, endet als 500 Seiten starker Roman: "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" gewinnt, in zwei Bände aufgeteilt, 1960 den Jugendliteraturpreis. Als er dreizehn Jahre später für sein nächstes großes Werk, "Momo", mit demselben Preis ausgezeichnet wird, gilt Michael Ende längst als Jugendbuchautor - eine Kategorie, mit der er sich nie ganz wohl fühlt. Die Verfilmung seiner "Unendlichen Geschichte" durch Warner Bros. und Constantin, die er als "dümmliche Mickey-Maus-Version" ablehnt, bestätigt ihn darin.

Für Ende ist Fantastik nicht banal

Bis zu seinem Tod im Jahr 1995 bemüht sich Michael Ende darum, die literarische Fantastik von den Vorwürfen der Banalität und Realitätsflucht zu befreien, indem er sie als eine Verbindung zweier Sphären definiert.

Fantastisch. Das Wort taugt für all das, was zu viel Wucht und Freiheit und Zauber besitzt, um auf dem schmalen Grat, den die Leute der Wirklichkeit zubilligen, gequetscht zu werden. Für Michael aber ließ es sich vom Wirklichen nicht trennen, so wenig, wie sich entscheiden ließ, ob sich in den Bergen da draußen ein schlafender Drache verbarg oder ein naturwissenschaftliches Phänomen. Beides, hätte Michael gesagt. Und für uns zwei ist auch noch Platz. Leseprobe

Obwohl ausdrücklich keine Biografie, bleibt der Roman dicht an den tatsächlichen Ereignissen von Michael Endes Leben. Hierfür findet die Autorin einen zauberischen Erzählton, der nur selten ins allzu Pathetische abgleitet, und ganz der Philosophie ihres Helden folgt: einen Fuß in der Wirklichkeit und einen in Phantásien.

Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Eisele bei Ullstein
Bestellnummer:
978-3-96161-069-3
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.11.2019 | 12:40 Uhr

05:27
NDR Kultur

Nicole Strasser: "Normandie"

17.11.2019 17:40 Uhr
NDR Kultur

Dem nostalgischen Charme mondäner Badeorte hat Fotografin Nicole Strasser sensibel nachgespürt, ebenso wie alten Schlössern, Sommerlandsitzen und Herrenhäusern. Audio (05:27 min)

04:45
NDR Kultur

Tomas Espedal: "Das Jahr"

15.11.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

In seinem Gedicht-Roman erzählt Tomas Espedal von einem Mann, der die Landschaft erkundet, in der der Dichter Petrarca seinen Gedichtzyklus "Canzoniere" schrieb. Audio (04:45 min)

04:32
NDR Kultur

Pauline Delabroy-Allard: "Es ist Sarah"

14.11.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Am Ende von Pauline Delabroy-Allards großartigem Roman steht der Zweifel und das Vergessenwollen. Es bleibt die Frage, ob die Liebe real oder nur eine Einbildung war. Audio (04:32 min)

04:08
NDR Kultur

Meg Wolitzer: "Die Zehnjahrespause"

13.11.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Meg Wolitzer verpackt in ihrem Roman den ewigen Konkurrenzkampf um das bessere Muttersein und den Spagat zwischen Job und Familie in ironische kleine Anekdoten. Audio (04:08 min)

04:32
NDR Kultur

Eimar O‘Duffy: "King Goshawk und die Vögel"

12.11.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Eimar O'Duffys Roman von 1926 ist von erstaunlicher Aktualität und Sprachkraft. Er erzählt von irischen Mythen und Helden im Kampf gegen das Böse. Audio (04:32 min)

04:51
NDR Kultur

Charlotte Roth: "Die ganze Welt ist eine große Geschichte..."

11.11.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Obwohl keine Biografie, bleibt Charlotte Roths Roman dicht an den tatsächlichen Ereignissen von Michael Endes Leben. Audio (04:51 min)

Mehr Kultur

28:40
NDR Fernsehen
28:40
NDR Fernsehen
28:43
NDR Fernsehen