Verena Keßler: "Die Gespenster von Demmin" © Hanser Berlin

"Die Gespenster von Demmin" heißt Verena Keßlers Debütroman

Stand: 13.10.2020 11:46 Uhr

Vom größten Massensuizid der deutschen Geschichte im Mai 1945 in der vorpommerschen Stadt Demmin ist in den vergangenen Jahren häufig erzählt worden, auch in einer Dokumentation vom NDR.

von Lenore Lötsch

Vor fünf Jahren ist ein erschütterndes Sachbuch von Florian Huber erschienen mit dem Titel "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945". Nun gibt es einen Roman, der sich der Geschehnisse annimmt. "Die Gespenster von Demmin" heißt er. Er ist das Debüt von Verena Keßler. Sie stammt aus Hamburg, lebt in Leipzig, hat am dortigen Literaturinstitut studiert.

Die ersten 14 Zeilen lassen aufhorchen. Ein Roman über einen Fluss? Noch dazu einen, der in den Prospekten des Tourismusverbandes anscheinend nie, wirklich nie, ohne den Zusatz "Amazonas des Nordens" stehen darf? Die schlammige, unbegradigte Peene, die immer und immer wieder durch, vorbei und drumherum muss an Demmin, wo 1945 Unvorstellbares passierte? Man würde gern wissen, was sie, die die Paddelboote mit großstädtischen Hobby-Ornithologen zwischen Frühjahr und Herbst sanft schaukelt, an ihrem Grunde bewahrt hat, wie sie sich erinnert.

Wie alle Flüsse will auch die Peene Richtung Meer. Aber ihr Gefälle ist so gering, dass sich, wenn der Wind stark genug in das Haff hineinweht, ihre Stromrichtung ändert. Dann fließt die Peene rückwärts. Leseprobe

Der Fluss spielt in dem Roman nicht die Hauptrolle

Verena Keßler hat sich gegen die Perspektive des Flusses entschieden. Stattdessen lässt sie Larry kopfüber in einem Baum hängen: 37 Minuten lang. Das ist Rekord für das 15-jährige Mädchen aus Demmin, das ständig versucht, an Grenzen zu gehen, potenzielle Ängste zu bekämpfen, Dinge möglichst lange auszuhalten. Kriegsreporterin will Larry werden, noch aber muss sie die Provinz aushalten. Dieses Konglomerat der Tristesse aus Rossmann, KiK und Netto, Schwanenteich und DDR-Plattenbauviertel, das der Volksmund "Bangladesch" getauft hat.

"Sonntage in Demmin fühlen sich an wie ein Bad in lauwarmem Wasser."
"Demmin ist im Dunklen nicht gerade Disneyland. Im Hellen natürlich auch nicht."
"Sonntag früh auf dem Netto-Parkplatz kann man sich ziemlich gut vorstellen, der letzte Mensch auf der Welt zu sein." Leseprobe

Ein tougher, etwas altkluger Teenager. Einer, der schnoddrig die Umgebung kommentiert, der auf dem Friedhof jobbt und dort dem beigen Alten in seinem Seniorenmobil den Ratschlag gibt: "Nicht sterben! Haben gerade nichts Passendes frei!".

Coole Sprüche sollen von Ängsten ablenken

Trotz der Coolness auf der Zunge sind Larrys Antennen zu jedem Zeitpunkt ausgerichtet, die Trauer, die Ängste, die Melancholie der anderen zu erspüren und sich die eigenen wegzutrainieren. Sie hat einiges zu tun, denn jede Figur in diesem Roman hat ein Hinterzimmer, das mal notdürftig verrammelt oder aber akkurat zugemauert ist.

Für meine Mutter ist es eine Art Lebensziel, einen Mann zu finden. Und wenn sie einen hat, dann richtet sie sich voll auf ihn aus, dann ändert sie Meinungen und Interessen, Ernährungsgewohnheiten und ihre Frisur. Dann bestellt sie Meditationskissen im Internet. Leseprobe

Ihre Mutter scheint wenig Interesse an der Tochter zu haben

Yucca-Palmen und Hansa-Rostock-Duschvorhänge sind das, was von den Männern bleibt. Im Nachbarhaus aber, da bleibt ein Nadelkissen aus dem letzten Kriegsjahr. Frau Dohlberg, die zweite Hauptfigur des Romans, räumt ihre Wohnung aus. In zwei Tagen soll sie in ein Seniorenheim umziehen, und während sie packt, wird die Rentnerin immer wieder durch Flashbacks zum Kind. Erinnert sich, deutet an, was da Ende April 1945 geschah, als ihre Mutter und ihre Schwester in die Peene gingen. Wenn Larry kopfüber im Apfelbaum hängt, sieht Frau Dohlberg stattdessen Frau Kastner, die - ein ganzes Leben vorher - in einem anderen Baum hing.

Jahrelang waren sie weg, jetzt kommen sie wieder, immer häufiger, rauschen vorbei, die Leichen im Fluss. Leseprobe

Zu viele Gespenster für einen Roman

Verena Keßler erweist sich bereits in ihrem Debüt als versierte Erzählerin. Man ahnt die Vorbilder für Larrys Tonfall: Maik Klingenberg und Holden Caulfield haben da für immer einen Sound vorgegeben. Die Autorin legt Fährten, verblüfft mit familiären Beziehungen, die sich erst ganz am Ende der Geschichte offenbaren.

Man liest diese 240 Seiten an einem Abend und hat doch letztlich das Gefühl, hier soll einem etwas untergejubelt werden. Bis in die Nebenfiguren hinein geht es um Trauer, Traumata, unausgepackte Kisten in den Garagen und Kellern, einen toten Bruder; selbst die sorglose Teenagerfreundin von Larry muss am Ende ihre krebskranke Mutter begraben. Das sind allzu viele Gespenster, die da durch den Roman wabern, für die Demmin nur die authentische schwarze Tapete liefert.

Es hätte einen die Peene und ihre Demmin-Erzählung interessiert.

Weitere Informationen
Verena Keßler
5 Min

Demmin: Roman über Massenselbstmord

Im Mai 1945 brachten sich Hunderte Menschen in Demmin um - aus Angst vor der Roten Armee. Verena Keßler hat einen Roman vor dem Hintergrund dieses Massensuizids geschrieben: "Die Gespenster von Demmin". 5 Min

Brigitte Roßow aus Demmin als Kind mit ihren Eltern, ihrem großen Bruder Winfried und der kleinen Schwester Sigrun. © Privatbesitz Birgit Roßow

Massensuizid in Demmin: "Wir wollten noch leben!"

Brigitte Roßow war 1945 zehn Jahre alt und überlebte in den letzten Kriegstagen den beispiellosen Massensuizid in Demmin. mehr

"Freitote, am Sinn des Lebens irre geworden" steht auf einer Gedenktafel auf dem Friedhof von Demmin, die an einen Massenselbstmord 1945 erinnert. © picture alliance / ZB Foto: Bernd Wüstneck

Demmin 1945: "Am Sinn des Lebens irre geworden"

Ende April 1945 erreichen russische Panzer die vorpommersche Stadt Demmin. In Panik nehmen sich mehr als 900 Menschen das Leben. mehr

Die Gespenster von Demmin

von Verena Keßler
Seitenzahl:
240 Seiten
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26784-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.10.2020 | 12:40 Uhr

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Honoré de Balzac: "Verlorene Illusionen"

Ein junger Mann kommt voller Tatendrang aus der Provinz nach Paris und wird berühmt. Doch auf der Höhe seines Ruhms als Theaterkritiker zerplatzen seine Träume. 5 Min

Mehr Kultur

Pierre Bertrand © picture alliance / Photoshot

Classical Beat Festival in Travemünde gestartet

In Travemünde startet das Classical Beat Festival. Musikalisches Highlight ist eine Reise durch den Orient. mehr