Georges-Arthur Goldschmidt: "Der versperrte Weg" (Cover) © Wallstein

"Der versperrte Weg": Ein Bruder bleibt im Widerstand

Stand: 24.11.2021 14:55 Uhr

Georges-Arthur Goldschmidt und sein Bruder Erich flohen als Kind gemeinsam vor den Nationalsozialisten. Sein neues Buch "Der versperrte Weg" erzählt die Lebensgeschichte seines Bruders.

von Heide Soltau

Um ihre Söhne vor der Judenverfolgung der Nationalsozialisten zu retten, hatten die Eltern von Erich und Georges-Arthur Goldschmidt entschieden, sie 1938 ins Exil nach Italien zu schicken. Goldschmidt hat seine Lebensgeschichte bereits mehrfach literarisch reflektiert, in der Erzählung "Die Absonderung" zum Beispiel und in der Autobiografie "Über die Flüsse".

Über den Bruder erfuhr man darin wenig. Das kleine Buch "Der versperrte Weg" ist der Versuch einer Annäherung. Der Bruder Erich hat keine Aufzeichnungen hinterlassen, es gibt nichts, auch keine Briefe des Bruders, die Aufschluss geben könnten über seine Gedanken. Gesprächen habe er sich stets verweigert. "Ich hätte gern mit ihm mal ernsthaft geredet. Ich konnte nicht, er nahm mich sofort auf den Arm. Er wollte mit mir nicht reden", sagt Goldschmidt.

Lebenslanger Konflikt zwischen den beiden Jungen

Der ältere Bruder habe Goldschmidt, den vier Jahre jüngeren, immer abgelehnt. "Es ist eigentlich die Grundfrage meines Lebens gewesen. Er konnte mich nicht ertragen. Ich war für ihn ein absolutes Scheusal", erinnert sich der Schriftsteller. "Erstens, weil ich sein Leben zerstört habe. Er war der König in der Familie seiner Eltern, die ihn verwöhnen, wie man nur konnte. Und plötzlich kommt dieses schreiende Bündel da an und zerstört ihm seine Alltagswelt. Und dann kommt die Hitlerei. Für den ist das entsetzlich gewesen. Der wäre gern in die HJ eingetreten, wie alle kleinen Jungen damals, und er durfte nicht."

Erich sei so eifersüchtig auf ihn gewesen, dass er einmal sogar versucht haben soll, ihm als Baby mit einer Stricknadel die Augen auszustechen. Eine Szene, die jahrelang für Gesprächsstoff in der Familie sorgte und die Beziehungen prägte.

"Der versperrte Weg": Flucht vor dem Nationalsozialismus

Georges-Arthur Goldschmidt blickt in seinem Buch noch einmal zurück auf die Geschichte, die er mit seinem Bruder teilt. Auf die Kindheit in Reinbek bei Hamburg und die gutbürgerliche Familie jüdischen Ursprungs, die längst zum Protestantismus konvertiert war, und auf die Flucht vor den Nationalsozialisten 1938 zuerst nach Italien und dann weiter in die Savoyen nach Frankreich, wo die Jungs Schutz in einem Internat finden.

"Im Internat ist er mir nie beigetreten. Hat mir nie geholfen, wollte mich nicht sehen. Ich war für ihn eine unmögliche Erscheinung", erinnert sich der Autor. Erich habe sich immer für ihn geschämt, für seine Tränen, seine Anhänglichkeit, seine Unterwürfigkeit.

Bruder Erich schließt sich dem französischen Widerstand an

Als die Deutschen 1943 auch Savoyen besetzen, schließt sich der Bruder unter falschem Namen der Résistance an. Er sucht nach Zugehörigkeit, will die verhassten Nazis bekämpfen. Seine deutsche Herkunft und seine jüdischen Wurzeln verschweigt er, wohl auch aus Scham, vermutet Georges-Arthur Goldschmidt. Erich wäre liebend gern ein richtiger Deutscher gewesen und habe deshalb später alles Deutsche gehasst.

Das Kriegsende erlebt er an der Seite der Alliierten in französischer Uniform als Mitglied einer Division, die aus Soldaten aus aller Welt besteht. Nach der Entlassung aus der Armee beginnt er ein Jurastudium, begeistert zunächst, bis ihn die Angst blockiert, als Deutscher identifiziert zu werden. Er sucht nach einer Identität, will französischer Staatsbürger werden. Als sich das Genehmigungsverfahren in die Länge zieht, bewirbt er sich bei der Fremdenlegion.

Vieles bleibt im Dunkeln

Über das Leben Erichs nach dem Krieg kann Georges-Arthur Goldschmidt wenig erzählen. Er hat in Indochina gekämpft und war später als Offizier im Süden Algeriens stationiert. Über viele Jahre hatten die Brüder kaum Kontakt.

Im Gespräch mit dem 93-Jährigen spürt man, wie er das bis heute bedauert: "Mit wenigen Menschen bin ich so innigst verbunden wie mit meinem Bruder, von dem ich nichts weiß. Über Indochina hat er nie ein Wort gesagt. Was er da gemacht hat, möchte ich lieber nicht wissen."

Erich suchte in der Uniform des Soldaten Halt und Vergessen und panzerte sich damit gegen seine Gefühle. Einen Zugang zu ihm hat Georges-Arthur Goldschmidt nie gefunden. "Der versperrte Weg" nennt er seinen Roman über den Bruder. Es ist ein trauriges Buch.

Der versperrte Weg

von Georgess-Arthur Goldschmidt
Seitenzahl:
111 Seiten
Verlag:
Wallstein
Bestellnummer:
978-3-8353-5061-8
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.11.2021 | 12:40 Uhr

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