"Der undankbare Flüchtling": Dina Nayeri über Migration

Stand: 26.10.2020 16:03 Uhr

Dina Nayeri verknüpft in ihrem Sachbuch "Der undankbare Flüchtling" ihre eigene Migrationsgeschichte mit den Schicksalen anderer Flüchtlinge.

von Claudia Kuhland

Sie ist immer unterwegs und hat schon oft ihren Wohnort gewechselt: die Schriftstellerin Dina Nayeri. Zurzeit lebt sie in Paris, nach Amsterdam und London. Geboren wurde sie 1979 als Tochter eines iranischen Arztehepaars und wuchs während der Islamischen Revolution in einem wohlhabenden Viertel von Isf+ahan auf. Als sie acht Jahre alt war, floh sie mit der Mutter und dem jüngeren Bruder aus dem Iran. Die Mutter war zum Christentum konvertiert und wurde von den Mullahs mit dem Tode bedroht. Der Vater blieb in Isfahan zurück. Nach Stationen in Dubai und Rom bekamen die drei Asyl in den USA. Dina Nayeri studierte in Princeton und Harvard, wurde zu einer exzellent ausgebildeten, erfolgreichen "Vorzeige-Migrantin" - und blieb doch immer ein Flüchtling. Nach zwei hochgelobten Romanen ist jetzt bei Kein & Aber ihr erstes Sachbuch erschienen.

"Ich vertraue den Systemen der Welt nicht mehr"

Dina Nayeri kennt die tiefen Brüche und die feinen Risse in Exil-Biografien. Sie hat Flucht und Heimatverlust selbst erlebt, weiß, was Entfremdung und Identitätssuche bedeuten, kämpfte um Anerkennung und Zugehörigkeit und erfuhr Diskriminierung. "Es ist ein Teil meiner Identität, etwas Massives, das mir passiert ist", sagt sie. "Ich bin jetzt eine glückliche und ausgeglichene Person, profitiere von Privilegien in dieser Welt. Aber manche Dinge bleiben, bestimmte Ängste. Ich vertraue den Systemen der Welt nicht mehr, weil meine Welt einmal auf den Kopf gestellt wurde, und das könnte wieder passieren."

All diese Erfahrungen, Empfindungen und Reflexionen sind in ihre beiden Romane eingeflossen. "Ein Teelöffel Land und Meer" erschien 2013, "Drei sind ein Dorf" 2017 (die deutsche Übersetzung 2018).

Wie die Flucht die Persönlichkeit prägte

In "Der undankbare Flüchtling" verknüpft sie ihre eigene Migrationsgeschichte mit den Schicksalen anderer Flüchtlinge, die sie unter anderem in griechischen Flüchtlingslagern, in London und Amsterdam getroffen und interviewt hat. Ihr Buch handelt von Entwurzelung und Transformation, von der Zerrissenheit zwischen dem Woher und Wohin, von Integration und Fremdheit, den Anstrengungen der Assimilation und den vielen "Häutungen", die sie durchlebt hat, um letztendlich doch ein Flüchtling zu bleiben. "Zwei Jahrzehnte lang hat unsere Flucht definiert, wer ich war. Sie prägte meine Persönlichkeit und bestimmte jede meiner Entscheidungen."

"Ich sehe mich als eine Art Chamäleon"

Schreibend holt sie sich ihre Vergangenheit zurück, setzt sich mit den Traumata der Flucht und der Erwartungshaltung westlicher Gesellschaften an Neuankömmlinge auseinander. Jahrelang hat sie darum gekämpft, ihren Akzent und ihre iranische Identität abzulegen. "Ich sehe mich auch als eine Art Chamäleon, jemand, der sich schnell an verschiedene Umgebungen anpassen kann. Das ist sehr verbreitet unter Flüchtenden, sie reden viel darüber, wie man quasi mutieren kann und wie man, wenn man es einmal gelernt hat, nur ein paar Schritte braucht, bis man sich in alles Mögliche verwandeln kann." Doch trotz all ihrer Anstrengungen war sie die Außenseiterin, wurde in der Schule von den Kindern gehänselt und von den Erwachsenen gedemütigt.

Dina Nayeri gibt Flüchtlingen ihre Stimme

30 Jahre später erkennt sie ihre eigene Geschichte in den Geschichten der anderen wieder. Sie trifft Geflüchtete, Asylsuchende und eingebürgerte Migranten, besucht Unterkünfte von Neuankömmlingen und spricht mit Müttern, Alleinreisenden, Schulkindern. Ihnen allen gibt sie ihre Stimme, damit sie gehört werden, damit wir ihnen mit Respekt begegnen und nicht gönnerhaft von oben herab.

Migration: Falsche Verpflichtung zur Dankbarkeit

Neben dem ewigen Kampf um Anerkennung erkennt sie noch eine Gemeinsamkeit. Es ist das in jedem Flüchtling tief verankerte Gefühl, zur Dankbarkeit verpflichtet zu sein. Dieses Gefühl ist der Garant dafür, sich unterzuordnen und anzupassen, die eigene Identität im Namen der Integration zu opfern. Dina Nayeri hält das für falsch, weil es die Persönlichkeit beschneidet und inhuman ist. "Wir müssen unserem Gastland nicht dankbar sein. Wir haben keine Schuld zu begleichen", sagt sie. Ihr Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Rechte der Flüchtlinge, ein Aufruf zur Solidarität und für ein Umdenken in der Migrationspolitik.

Der undankbare Flüchting

von Dina Nayeri
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Kein & Aber
Bestellnummer:
978-3-0369-5822-4
Preis:
24 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 28.10.2020 | 00:00 Uhr

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