Stand: 26.11.2018 10:00 Uhr

Weckruf gegen den neuen Judenhass

Der neue Antisemitismus
von Deborah Lipstadt
Vorgestellt von Sven Waskönig und Felicitas Hammerstein
Bild vergrößern
Mit ihrem Buch "Der neue Antisemitismus" will Deborah Lipstadt ihre Leser aufrütteln.

Samstag, 27. Oktober. Ein Mann stürmt die "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh und tötet elf Menschen. Es ist der bislang schwerste antisemitische Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten. "Ich war schockiert, aber ich war nicht überrascht, denn auf Worte folgen Taten", sagt Deborah Lipstadt, Historikerin und Holocaust-Forscherin.

"Trumps Rhetorik ermutigt Antisemiten und Rassisten"

Deborah Lipstadt ist die renommierteste Holocaust-Forscherin der USA. Doch die Historikerin blickt nicht nur in die Vergangenheit, sondern analysiert auch die Gegenwart. Nach dem Attentat kam US-Präsident Donald Trump nach Pittsburgh. Viele Juden protestierten gegen seinen Besuch. Ihr Vorwurf: Trumps Klima des Hasses habe zu dem Anschlag geführt. "Ich weiß nicht, ob Donald Trump ein Antisemit ist. Ich denke, er ist keiner", sagt Deborah Lipstadt. "Aber es ist die falsche Frage. Die Frage, die sich stellt, lautet: Tut er Dinge, die solchen Leuten grünes Licht geben? Gibt er den Antisemiten die Erlaubnis?", fragt die Historikerin. Auch Trumps Aussage nach den Ausschreitungen in Charlottesville im August 2017 - "es gebe gute Leute auf beiden Seiten" - sei so ein grünes Licht gewesen. Trumps Rhetorik ermutige Antisemiten und Rassisten, so Lipstadt.

Kampf gegen die Lügen der Populisten

Bekannt wurde die Historikerin, als sie sich im Jahr 2000 vor Gericht gegen den Holocaust Leugner David Irving durchsetzte. Heute kämpft sie gegen die, wie sie es nennt, "soften Lügen" der Populisten und anderer Leugner. Ihr aktuelles Buch heißt "Der neue Antisemitismus". Aber was ist überhaupt neu am Antisemitismus? "Er ist neu und zugleich nicht neu", sagt Deborah Lipstadt dazu. "Er ist neu, wie wir ihn heute von der Rechten, von der politischen Rechten erleben, so wie in Pittsburgh - und wir erleben ihn auch von links."

Antisemitismus gedeiht in einer Gesellschaft, die sich als intolerant anderen gegenüber erweist, sei es gegenüber Immigranten oder ethnischen und religiösen Minderheiten. Sobald Ausdrücke der Verachtung für eine bestimmte Gruppe zur Norm werden, ist es so gut wie unvermeidlich, dass ähnlicher Hass sich auch gegen andere Gruppen richtet. Leseprobe

Jeremy Corbyn, Chef der Labour-Partei in Großbritannien, drücke mehr als nur ein Auge zu, solange Antisemitismus mit linker Israel-Kritik einhergehe, schreibt Lipstadt. Auch die Aktionen der sogenannten BDS-Kampagne, die international zum umfassenden Boykott gegen Israel aufruft, wie etwa gegen Produkte der Firma SodaStream, seien als antisemitisch einzustufen. "Israelkritik ist kein Antisemitismus", so Lipstadt, "aber wenn Israel das einzige Land ist, das etwas falsch gemacht hat, wenn man nur Israel boykottiert, aber nicht China, das schlimmster Menschenrechtsverletzungen beschuldigt wird, und weitere Länder, dann stimmt etwas nicht, dann ist etwas aus dem Gleichgewicht."

Wie das Feuer, das ein Brandstifter legt, schießen leidenschaftlicher Hass und verschwörungstheoretische Weltanschauungen weit über ihr ursprüngliches Ziel hinaus. Sie entbehren jeder Rationalität. Keine Vernunft hält sie in Zaum. Selbst wenn Antisemiten ihr Gift ausschließlich gegen Juden einsetzen, deutet die reine Existenz von Judenhass darauf hin, dass mit der gesamten Gesellschaft etwas nicht stimmt. Keine gesunde Gesellschaft gewährt umfassendem Antisemitismus - oder jeder anderen Form von Hass - Unterschlupf. Leseprobe

"Schweigen ist Mittäterschaft"

Ein Teil des europäischen Antisemitismus kommt heute von muslimischer Seite, wie der Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin zeigt. Lipstadt warnt davor, solche Attacken als Reaktion auf Israels Politik im Nahen Osten zu entschuldigen. Antisemitisches Verhalten müsse immer vehement geahndet werden. Doch manche Regierungen, wie die von Victor Orban in Ungarn, bedienen gezielt antisemitische Klischees. Polens Staatsführung verfolgt eine verklärte Geschichtspolitik. Was, wenn Regierungen ihrer Pflicht, Antisemitismus zu bekämpfen, nicht nachkommen? "Wenn wir nicht erwarten können, dass unsere politische Führung diese Entwicklungen verurteilt, wenn wir nicht erwarten können, dass sie sagt, dass es gefährlich ist, dann müssen wir es selbst tun", sagt Lipstadt. "Und das fängt zu Hause an, in der Schule, auf der Straße. Im Angesicht von Verfolgung ist Schweigen Mittäterschaft, im Angesicht von Verfolgung ist niemand nur ein Zuschauer. Im Angesicht des Bösen - und sei es, ob die Menschen für oder gegen das Böse sind - gibt es keine Neutralität" sagt Lipstadt.

"Wir alle sollten uns Sorgen machen"

Deborah Lipstadt sensibilisiert mit ihrem Buch die Leser dafür, genau hinzuschauen, sich zu informieren und in den politischen Diskurs einzubringen, um Lügen durch Fakten widerlegen zu können: "Das Buch ist wirklich als ein Weckruf gedacht. Wir haben dieses Problem, und wir alle sollten uns darum Sorgen machen. Denn es beginnt vielleicht mit den Juden, aber es endet nicht mit ihnen", sagt die Historikerin.

Der neue Antisemitismus

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Berlin Verlag
Bestellnummer:
978-3-8270-1340-8
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 28.11.2018 | 00:00 Uhr

Mehr Kultur

52:01
NDR Info
48:03
NDR Info
87:45
NDR Kultur