Stand: 27.08.2018 09:00 Uhr

Düstere Zukunftsversion

Troll
von Michal Hvorecký
Vorgestellt von Dennis Wagner
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Der Roman "Troll" spielt in der slowakischen Hauptstadt Bratislava.

Die slowakische Hauptstadt Bratislava könnte kaum internationaler sein. Wien liegt nur wenige Kilometer flussaufwärts, Ungarn um die Ecke, auch Deutsche und Juden haben die Stadt geprägt. Bratislava ist eine kleine Weltstadt, ein europäischer Schmelztiegel. Der Schriftsteller Michal Hvorecký ist hier genauso aufgewachsen: ein Opa war Deutscher, einer Slowake, eine Oma Ungarin. In seinen Romanen und Zeitungsartikeln beschäftigt er sich mit seiner Heimat - und ihren Schwierigkeiten.

"Slowakei hat ein riesiges Problem mit Korruption"

"Es ist eine unglaublich spannende Stadt - meine Liebe zu Bratislava ist groß, aber kritisch", sagt er. "Es hat auch große Schwierigkeiten, es ist ziemlich schlecht verwaltet, auch ziemlich korrupt. Die Slowakei hat ein riesiges Problem mit Korruption und kämpft damit schon seit Jahren - und mit wenigen Erfolgen leider." Dass höchste Regierungsbeamte sogar mit der italienischen Mafia zusammenarbeiten, versuchte der Journalist Ján Kuciak nachzuweisen. Dann, im Februar, wurden er und seine Freundin erschossen in ihrem Haus aufgefunden - hingerichtet mit Genick- und Kopfschuss. Täter unbekannt. Doch kritische Journalisten standen schon lange im Fadenkreuz von mächtigen Männern - und das mitten in der EU.

Alte Strukturen trotz Rücktritts unangetastet

"Dreckige, antislowakische Prostituierte", nannte Robert Fico, der damalige Premierminister, schon mal unbequeme Journalisten. Doch nach dem Mord gingen Zehntausende auf die Straße und drehten den Spieß um: Fico und sein Innenminister seien selbst Prostituierte - nämlich die der Mafia. Fico musste schließlich zurücktreten. Die alten Strukturen blieben allerdings unangetastet. Auch Hvorecký wurde schon angegriffen: "Wir werden hier als kritische Intellektuelle, als Journalisten, als Autoren und Autorinnen regelmäßig heftig angegriffen. Auch von der Seite der Politik. Ich selbst wurde von dem Ex-Premierminister Robert Fico Krawallmacher und Unruhestifter genannt, nur weil ich einen kritischen Text geschrieben habe über Demonstrationen in Bulgarien, als Inspiration für die Slowakei."

Interview

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Düsteres Zukunftsszenario

In seinem jüngsten Roman "Troll" beschreibt Hvorecký nun eine zutiefst düstere Zukunft in einem abgeschotteten osteuropäischen Land. Nach einem Hybridkrieg steuern von Oligarchen hochbezahlte Internet-Trolle präzise die öffentliche Meinung. Die Trolle verbreiten wüste Lügen und Verleumdungen und bestimmen so über die Biografien der Landsleute - mehr, als eine Polizei das je zuvor konnte. "Dystopie ist das Genre der Stunde", sagt Hvorecký. Als er anfing das Buch zu schreiben, habe er gedacht, er schreibe an einem Science-Fiction-Roman, einer nahen Zukunft. Doch jetzt stellt er fest: "Die Realität hat mich überholt."

Antihelden in der Trollfabrik

Im Roman begeben sich nun zwei junge Antihelden, ein fettleibiger Funktionärssohn und eine dürre Junkie-Braut, in solch eine Trollfabrik. Sie wollen das System bekämpfen. Doch um es zu verstehen, werden sie zunächst selbst zu Trollen. Hvorecký lässt sie dahin schlüpfen, wo er die Demokratie in seinem Land aktuell stark bedroht sieht. Denn Fake-News-Seiten wie "Hlavné Správy",  was so viel heißt wie "Hauptnachrichten", sind in der Slowakei sehr populär. "Wir haben keine starken öffentlich-rechtlichen Medien", sagt Hvorecký, wir haben schwache Zeitungen mit niedrigen Auflagen, wir haben kaum größere kritische Zeitschriften - die Fake News sind hier Mainstream geworden. Die sind die stärksten Medien. Die sind keine Alternative mehr, sie sind die Hauptnachrichten, sie erreichen die Masse. Das sind alles nur Lügen, Lügen, Lügen, Tag und Nacht ohne Ende. Es ist nicht kontrolliert, es entstehen Monopole, es gibt keine Vielfalt, es wird monopolisiert und die verdienen damit wunderbares Geld. Und gewinnen damit auch politische Kraft, politische Macht. Und wir unterschätzen, wie gefährlich das ist."

Wenn Wahrheit und Lüge verschwimmen

Im Roman werden die Trolle zu Auftragskillern. Unliebsame Personen vernichten sie innerhalb von Minuten, indem Fotos manipuliert, Zitate hinzugefügt, und Dokumente gefälscht werden. Wahrheit und Lüge verschwimmen. Hvorecký kennt das zu gut: "Ich war vielmals Opfer von Trolling - auf die ätzendste Art und Weise", erzählt er. "Mein Bild, mein Video, mit erfundenen Zitaten, mit erfundenen Sätzen, manipulierte Inhalte - und auf diese Art und Weise werden hier Dutzende kreative Menschen angegriffen." Er wünsche sich "islamistische Angriffe" auf die Slowakei, wird ihm etwa ein Zitat zugewiesen. Er wünsche sich Millionen Flüchtlinge, oder dass alle homosexuell werden. "Es wäre eigentlich lächerlich", sagt Hvorecký, "aber leider nehmen das unglaublich viele Menschen wahr, viele nehmen das ernst."

Hetze gegen Journalisten

Wer immer Ján Kuciak ermordet hat - die Hetze gegen Journalisten hat auf jeden Fall den Boden dafür bereitet. Freiheit, so heißt es auf einer alten Gedenktafel in Bratislava, Freiheit kann nur der schätzen, der wirklich dafür gekämpft hat. Und man muss auch heute dafür noch kämpfen. Auch in der EU.

Hvorecký will sich weiterhin in seinem Land engagieren: "Ich fühle mich wohl in der Slowakei, ich bin hier daheim, ich will hier auch bleiben. Aber es ist schon so, dass hier die freie Presse angegriffen ist. Ich war auch dankbar dafür, dass es europaweit eine große Welle der Solidarität gab nach Kuciaks Mord. Und das ist sehr wichtig, dass wir sehen, wir sind tatsächlich ein europäisches Land, wir sind klein, aber wir sind dabei."

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Troll

von
Seitenzahl:
215 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Tropen
Bestellnummer:
978-3-608-50411-8
Preis:
18 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 29.08.2018 | 00:00 Uhr

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