Marente de Moor und Joachim Dicks in Hannover © NDR/ Agnes Bührig Foto: Agnes Bührig

Der Norden liest: Marente de Moor stellt "Phon" vor

Stand: 28.10.2021 09:04 Uhr

In der Reihe "Der Norden liest" hat die Schriftstellerin, deren letzter Roman "Aus dem Licht" viel Beachtung erhielt, am Mittwoch im Literaturhaus Hannover ihr neues Buch "Phon" vorgestellt.

von Agnes Bührig

Was macht es mit uns, wenn wir etwas hören, was wir nicht einordnen können? Eine Frage, die im neuen Roman der niederländischen Autorin Marente de Moor eine Rolle spielt. Und deshalb lautet der Titel ihres Werkes auch "Phon" - eigentlich ein Begriff aus der Psychoakustik.

Geräusche aus dem Wald

Marente de Moor in Hannover © NDR/ Agnes Bührig Foto: Agnes Bührig
Marente de Moor wurde 1971 in Den Haag geboren.

Für Geräusche muss man hochschauen, dann hört man - von oben nach unten und in dieser Reihenfolge: Zwitschern, Krächzen, Summen, Rasseln, Flattern, Wiehern, Bellen, Blöken, Fauchen, Gackern, und - dicht über dem Boden - Knurren.

Es ist deutlich zu hören: Wir sind in einer ländlichen Umgebung. Ernsthaft um die richtig Aussprache bemüht, arbeitet sich Marente de Moor durch die phonetischen Herausforderungen, die die deutsche Sprache für eine Niederländerin bereithält. Und im Wald, wo ihre Protagonistin Nadja seit 30 Jahren lebt - mit Lew, dem Zoologen - haben Geräusche noch Raum.

Ein Plädoyer fürs Rätsel

Das Gehörte biete Raum für Rätsel, sagt Marente de Moor, anders als das Auge, das schnelles und klares Erkennen ermöglicht.

"Man sieht es und dann ist es immer eindeutig", sagt de Moor und ergänzt: "Aber wenn es Geräusche gibt, dann strengt das die Fantasie viel strenger an. Dann kann man sich noch einbilden, dass es etwas anderes ist. Es ist noch nicht ganz klar. Und natürlich, dieses Buch, das ist ein Plädoyer für das Rätsel."

Gewissheit lässt Geschichten enden

Marente de Moor, 1972 in Den Haag geboren, holt sich für dieses Plädoyer die Erinnerung an die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zurück. In den 90er-Jahren lebte die studierte Slawistin viele Jahre in St. Petersburg, schrieb als Korrespondentin für niederländische und russische Zeitungen.

Sie erlebte, wie die Öffnung der Archive die Schicksale der im Gulag Verschwundenen enträtseln half, aber auch, dass Erzählungen über Menschen schneller enden, wenn man ihr Schicksal genau zurückverfolgen kann.

Auf der Suche nach Angst

Nadja verändert ihre Erzählung, macht immer wieder neue Andeutungen über ein traumatisches Ereignis. Denn der Roman "Phon" verhandelt auch das Thema eines Verfalls - Marente de Moor verwebt dabei politische und persönliche Ebene.

Neben der Lust am Fabulieren spielt auch die Suche nach der Angst eine Rolle. Eine, die sie selbst richtig packt. In Horrorfilmen habe sie sie jedoch bisher nicht gefunden, sagt die Schriftstellerin. Gibt es einen Grund für dieses Interesse?

"Ich wohnte damals wie auch heute in der Nähe eines Waldes und dann hört man all diese Geräusche und man weiß nicht genau, was genau man hört", erinnert sich de Moor und fügt hinzu: "Und damals in den 90er-Jahren in Russland arbeitete ich zusammen mit einer Polizistin an einem Programm über Kriminalität. Das war ganzer Horror, es waren die 90er-Jahre und man schaute alles. Da hatte ich auch keine Angst gehabt. Vielleicht klappt es noch in Zukunft einen Horror zu beschreiben, dass ich selbst auch Angst habe - und dann auch die Leser."

Der Wald, die sich wandelnden Geschichten, Geräusche, die Rätsel aufgeben - auf eine ganz eigene, geheimnisvolle Art umkreist das Gespräch an diesem Abend den Reiz des Unenthüllten.

Die Lesung aus Marente de Moors neuem Roman "Phon" und das Gespräch darüber können Sie am 6. Februar 2022 ab 20 Uhr in der Sendereihe Sonntagsstudio auf NDR Kultur in voller Länge nachhören.

Weitere Informationen
von links nach rechts: Judith Hermann, Julia Franck, Kent Nagano © Andreas Labes/Mathias Bothor/Sergio Veranes

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Kulturpartner: Literaturhaus Hannover

Das Literaturhaus Hannover widmet sein Programm in erster Linie dem Leitmedium Buch und fördern die Kunst. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.10.2021 | 06:40 Uhr

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