Stand: 21.08.2020 17:20 Uhr

Bildband "Coexist": Wie Kunst Koexistenzen sichtbar macht

von Guido Pauling

Fotokünstler suchen sich Themen, haben Sujets, die ihr Markenzeichen werden: Ansel Adams fotografierte Landschaften. Vivian Maier wurde mit Street Photography berühmt. Isolde Ohlbaum porträtiert Autoren. Die Filmregisseurin und Fotografin Franziska Stünkel hat Spiegelungen für sich entdeckt. Genauer: Die Spiegelungen, die auf großen Glasscheiben in einem bestimmten Winkel aufblitzen, nur für einen kurzen Moment. Wer sie bemerkt, sieht das Leben vor der Scheibe, kann im selben Augenblick aber auch durch die Scheibe das Leben dahinter sehen. Jahrelang hat Stünkel ihre Spiegelungs-Bilder auf Ausstellungen präsentiert. Jetzt sind die Aufnahmen in einem Bildband versammelt: "Coexist".

Alles geschieht zur gleichen Zeit, und mit einem raffinierten Kunstgriff passt auch alles auf eine Fotografie. Der kleine chinesische Junge, der da vor seinem Tellerchen sitzt, wickelt gerade einen Glückskeks aus dem Papier. Vielleicht knackt er auch eine Nuss? Schwer zu erkennen, was er in seinen Fäustchen hält. Doch wieso trägt er eine Fahrradpedale hinterm Ohr? Weshalb sitzen die beiden Männer am Nebentisch gedankenverloren da, während doch mindestens drei Autos und zwei Motorräder durchs Café fahren? Ja sie fahren sogar mitten durch eine Serviererin hindurch, die wie ein Geist körperlos im Raum zu schweben scheint und den Zusammenstoß unversehrt übersteht. Erst der zweite Blick verrät: Die Dinge passieren gleichzeitig, doch nicht im gleichen Raum. Das Café-Geschehen spielt sich hinter der Glasscheibe ab. Der Verkehr rauscht vor der Scheibe durch die namenlose chinesische Großstadt. Die Fotografin fängt mit der Spiegelung auf der Scheibe sich überlappende Bilder ein. Die Dinge existieren neben-, vor- und übereinander, nur durch den Lichteinfall im Glas.

Kunst macht Koexistenzen sichtbar

Es ist eine Koexistenz - von Kunst sichtbar gemacht: "Wir leben in einer Zeit visueller Reizüberflutung", heißt es im Vorwort des Bildbands. Nach dieser Erkenntnis stellt sich die naheliegende Frage: "Was sehen wir, welche Bilder nehmen wir überhaupt noch wahr? Welche Kriterien müssen insbesondere künstlerische Positionen erfüllen, um sichtbar zu werden, um unsere Aufmerksamkeit zu erhalten?"

Eine simple Methode von Künstlern lautet: Sei noch schriller, noch greller als der Rest, wähle noch gröbere Reize und verstärke so die gewaltsame Bilderflut. Franziska Stünkels Methode ist anders. Jedes ihrer Motive für sich ist unspektakulär. Spektakulär ist ihre Überlagerung von Motiven. "Spiegelungen ermöglichen die Wahrnehmung zeitgleichen Lebens", erklärt sie. "Wir alle leben in Koexistenz, manchmal auch ohne dies bewusst zu bemerken. Ich suche die Sichtbarmachung."

In Großstädten auf der Suche nach neuen Motiven

Impression aus dem Buch "Coexist" von Franziska Stünkel © Franziska Stünkel
Franziska Stünkels Fotos sind ein Schau-Wunder.

Mit dem chinesischen Café fing alles an. Nach dem Spiegelbild in der Scheibe 2009 hatte Franziska Stünkel ihr Bild-Thema gefunden. Seither kreuzt sie auf Streifzügen durch Großstädte in Asien, Europa, Amerika, Afrika, wandert wachen Blickes umher und sucht Glasscheiben. Schaufenster. Spiegelnde Oberflächen, die die Koexistenz allen Lebens um sie herum vor Augen führen.

Wie bei dem belebten Zebrastreifen neben einem genieteten Brückengeländer - überwuchert von Pfingstrosen? Ach nein, die pinkfarbenen Blumen stehen wohl in einer Vase im Raum, die Künstlerin fotografiert schräg nach draußen. Reflexionen blitzen auf, Pflanzenwelt und Straßenwelt durchdringen sich, und der schwarze Mantel einer jungen Passantin hat auf einmal ein gelb-oranges Blütenmuster. Oder das Keramikgeschäft, irgendwo in der arabischen Welt. Regale voller bunter Schüsseln, Becher, Tassen, Tiegel - und mitten drin, weiß, scharfkantig, schräg wie zum Schlag erhoben die Felge eines Motocross-Bikes. Zum Glück nicht im Laden, sondern davor. Wir kennen das Lichtspiel schon, aus dem chinesischen Café.

Die Welt vor und hinter dem Spiegel

Koexistenz - das heißt: Alles ist nebeneinander, zugleich. Nichts ist nur schön, nichts nur hässlich. Es ist immer mindestens beides. Stünkel zeigt, was vor und was hinter dem Spiegel ist. Was für Welten Menschen trennen, die hinter Scheiben sitzen, stehen, gehen. Einander sehen, und doch nicht sehen. Nur der Betrachter der Bilder von "Coexist" sieht das alles. Ein Schau-Wunder.

Coexist

von Franziska Stünkel
Seitenzahl:
232 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
110 Farbabbildungen, Deutsch/Englisch
Verlag:
Kehrer
Bestellnummer:
978-3-86828-918-3
Preis:
59,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.08.2020 | 16:20 Uhr

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