Edward Brooke-Hitching: "Der Atlas des Himmels" (Cover) © Knesebeck

"Der Atlas des Himmels": Eine Geschichte der Astronomie

Stand: 04.12.2020 15:28 Uhr

Edward Brooke-Hitching hat über Jahrzehnte Himmelskarten, astronomische Illustrationen und Fotos gesammelt. In "Atlas des Himmels" präsentiert er eine visuelle Geschichte des Himmels.

von Juliane Bergmann

So unbegreiflich das Universum für uns ist, so sehr suchen die Menschen nach Antworten, was seinen Ursprung angeht und die Frage nach Leben fernab der Erde. Immer wieder hat sich das Bild vom Himmel gewandelt - durch neue Erkenntnisse, aber auch durch Irrglauben, Mythen und Schwindel.

Vermeintliche Mondbewohner

Eine saftige, grüne Waldlandschaft. Dichte Bäume, zwischen denen sich ein Fluss hindurchschlängelt. Eine Art Bison mit nur einem Horn stapft durchs Gras. In der Luft fliegt ein Geschöpf, das dem Menschen ähnelt, mit riesigen Fledermaus-Flügeln. Es ist eine Sensation, als 1836 diese Illustration die angeblichen Bewohner des Mondes zeigt. Entdeckt haben soll sie der Astronom Sir John Herschel mit einem neuartigen, gigantischen Teleskop. Das internationale Medienecho ist groß. Das New Yorker Boulevardblatt "The Sun" berichtet ausführlich in sechs Teilen. In den Artikeln beschreibt der Wissenschaftler die entdeckten Wesen so:

"Zweifelsohne unschuldige und fröhliche Kreaturen, auch wenn einige ihrer Späße sich nicht mit unserem irdischen Verständnis von Anstand vertragen würden." Leseprobe

Eine zwar entzückende, aber recht unwissenschaftliche Einordnung. Kein Wunder, schließlich stellt sich heraus: ein Reporter hat die ganze Geschichte erfunden. Das Fernrohr und den Astronomen gab es zwar, Mondmenschen hat der aber nicht gesehen.

Werk des leidenschaftlichen Sammlers Edward Brooke-Hitching

Der Brite Edward Brooke-Hitching ist Sohn eines Antiquars und sammelt leidenschaftlich Himmelskarten, astronomische Illustrationen und Fotos. In diesem Buch präsentiert er eine visuelle Geschichte des Himmels über die Jahrtausende. Besonders schön sind die vielen - auch witzigen - Anekdoten, die den historischen Stoff leichtfüßig ergänzen.

Ein orange-brauner Stein mit einem Muster aus waagerechten Rillen. Beim genaueren Hinsehen sind die vermeintlichen Linien dann als Felsgravuren zu erkennen - winzige Symbole: Dreiecke, Kreuze, Punkte. Schatten und Licht im Tanz. 1680 vor Christus hielten mesopotamische Astronomen auf den sogenannten Venus-Tafeln des Ammi-saduqa fest, wann genau die Venus sichtbar ist. Das bislang älteste Schriftdokument der Planetenbeobachtung. Inklusive Weissagungen zu Seuchen und Kriegen.

Die Babylonier hielten die Himmelskörper für Manifestationen der Götter. Wer in den Sternen zu lesen vermochte, konnte Aussagen darüber machen, was die Götter mit der Welt vorhatten. Leseprobe

Irrtümer und falsche Schlüsse sind typisch für manche Weltbilder

Vier Zeichnungen. Mit gelben Klecksen, wie Bläschen, durchzogen von dunkelbraunen Streifen. An Bernstein mit winzigen Einschlüssen erinnern diese Bilder. Gezeichnet hat sie 1877 der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli. So sah er den Mars durchs Teleskop. Schließlich fertigt er eine Karte der Marsoberfläche an. Darauf: Kontinente, Meere, Flüsse. Einige glauben, die Marskanäle seien künstlich geschaffene Wasserstraßen. Ein Beweis für Zivilisation?

1909 baut und bemalt die Dänin Emmy Ingeborg Brun einen Globus des Mars: ein edler Messingfuß, türkisfarbene Gewässer legen sich als Netz über den weißen Planeten. Sehr dekorativ, wie ein Foto zeigt - und dabei völlig falsch. Die sogenannten Marskanäle beruhen teilweise auf einer optischen Täuschung. Tatsächlich handelt es sich um natürliche geologische Furchen und nicht um Wasser.

"Der Atlas des Himmels": Ein Bildband zum Stöbern

Belege und Gegenbelege für Leben im All, die Sternbilder, die Laufbahn der Planeten: Immer neue Erkenntnisse veränderten unser Wissen über den Himmel. Der Bilderschatz in diesem Band ist immens. Kein Buch, das sich einmal durchblättern lässt. Eher ein Nachschlagewerk mit abendfüllenden Qualitäten - zum Stöbern und im-Sessel-Abheben.

So erging es schon Ptolemäus vor 2.000 Jahren beim Nachdenken über das Weltall: "Wenn ich den eng geschlossenen Reihen der Sterne in ihren kreisenden Bahnen folge, berühren meine Füße nicht länger den Boden."

Der Atlas des Himmels

von Edward Brooke-Hitching, aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
18,9 x 24,6 cm, gebunden mit SU, mit 261 farbigen Abbildungen
Verlag:
Knesebeck
Bestellnummer:
978-3-95728-424-2
Preis:
35,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 06.12.2020 | 16:20 Uhr

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