Deniz Ohdes autobiografischer Debütroman: "Streulicht"

Stand: 09.10.2020 15:07 Uhr

Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 steht "Streulicht" von Deniz Ohde, zuvor mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler ausgezeichnet.

von Jürgen Deppe

Streulicht ist kein Rampen-, ist kein Scheinwerferlicht. Streulicht ist das diffuse, nebulöse, halbdunkle Strahlen einer schwer zu definierenden Lichtquelle. Streulicht ist das Licht, in dem Deniz Ohdes namenlose Ich-Erzählerin (die gut und gerne Deniz Ohde selbst sein könnte) aufwächst. Nahe Frankfurt, vermutlich in Höchst, am Rande eines Industrieparks voller Chemiefabriken.

"Bei Dunkelheit glüht der Park wie eine riesige gestrandete Untertasse, orangeweißes Streulicht erfüllt den Nachthimmel, gespeist von den Neonröhren, die jedes Stockwerk der Türme ausleuchten, und von den Markierungen der Schornsteinspitzen für den Flugverkehr. Als Dunst entweichen die Nebenprodukte der Reaktionen den Schornsteinen, vom Mond mit silbernen Rändern versehen."

Wenn der Park hinterm Haus ein Industriepark ist

Hier ist sie groß geworden, die Ich-Erzählerin. Glamour geht anders. Zumal ihr Elternhaus - also die einfache Etagenwohnung der Familie - genauso glanzlos ist - und immer schon war. Klassenkämpferisch würde man sagen "proletarisch", neudeutsch "bildungsfern", sozial schwach, unterprivilegiert.

Das ganze Leben meines Vaters war eine einzige Ersatzhandlung. Er hatte mit sechzehn angefangen zu arbeiten, etwas anderes, ein eigenes Wollen, war für ihn nicht denkbar gewesen. Das Wort Wunsch war verboten, es gehörte in die Welt der Groschenromane, die seine Mutter im Zeitschriftenladen in der Ortsmitte kaufte, wenn sie Geld übrig hatte vom Putzen. Leseprobe

Der ganze Stolz, ein Proletarierstolz

Nach der Grundschule war der Vater kurz auf dem Gymnasium. Aber das war nichts für ihn. Danach tunkte er Aluminiumbleche in Laugen, vierzig Jahre lang, vierzig Stunden in der Woche.

"Vierzig Jahre hat er in derselben Firma gearbeitet, auch darauf kommt er immer wieder zu sprechen."

Er ist stolz darauf. Ein Arbeiterstolz! Er heiratete eine aus der Türkei stammende "Gastarbeiterin", wie das seinerzeit genannt wurde. Von ihr hat die Ich-Erzählerin neben einem deutschen noch einen zweiten, einen türkischen Vornamen, der nicht ins kleinkarierte Vorstadt-Frankfurt der 1990er- und frühen 2000er-Jahre passt. Doch den verschweigt sie lieber. Sie passt sich an.

Ich ging nicht bei Rot über die Straße, ich hatte nur eine Muttersprache, ich hatte nur einen Geburtsort, ich hatte einen deutschen Nachnamen und zwei Vornamen, von denen der eine geheim war, ich rasierte mir die Monobraue, ich sagte : 'Nicht ich bin Türkin, sondern meine Mutter'. Leseprobe

Erlebter Alltagsrassismus

Trotzdem erfährt sie wieder und wieder Repressalien. Von Kindesbeinen an. Etwa wenn sie bei einem Probealarm auf dem Schulhof von einem größeren Jungen angepöbelt und brutal zu Boden gestoßen wird.

'Ein Unfall', sagte die Schulkrankenschwester, 'nichts passiert', und ließ ihre Finger über mein Gesicht wandern, da, wo es auf den Boden geschlagen war. 'Ein Unfall', sagte die Lehrerin zu meiner Mutter. Ein Unfall, und ein unglücklicher Zufall mit dem Probealarm. Leseprobe

Der Alltagsrassismus wird kleingeredet, bagatellisiert. Dabei sind es nicht nur miese Jungs auf dem Schulhof, die sie diskriminieren, es ist auch die wohlsituierte Familie von nebenan, die meint, etwas Besseres zu sein und sie das spüren lässt.

Interessante Beobachtungen, aber keine große Literatur

Jahre später kehrt sie - das unterprivilegierte Arbeiterkind - nach nachgeholtem Abitur am Abendgymnasium mittlerweile studiert und etabliert - zur Hochzeit ihrer Sandkasten-Freundin in den Ort ihrer Kindheit zurück. Vieles hat sich geändert. Aber was bleibt ist das Streulicht. Diffus. Eher kalt und ungesund.

Das ist genau beobachtet und gut beschrieben. Große Literatur ist das nicht.

Streulicht

von
Seitenzahl:
284 Seiten
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42963-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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