Stand: 29.12.2016 12:40 Uhr  | Archiv

Die Liebe zum Rhythmus

von Andrea Schwyzer

Schlagzeuger und Schlagzeugerinnen sind bildschön! Das glauben Sie nicht? Dann sollten Sie sich "The Drum Thing" von Deirdre O'Callaghan anschauen. Die Fotografin hat 100 der wichtigsten Drummer aus Jazz, Pop und Rock porträtiert und in einem bildschönen Buch vereint. Drummer, die für Miles Davis, Bob Dylan, Prince, Bob Marley und Bands wie The Clash, Blondie, Metallica oder die Beatles spielen und spielten.

Nur sehr leidenschaftliche, bestens informierte Fans kennen deren Namen: Larry Mullen, Steve Copeland, John Densmore. Die Fotografin Deidre O’Callaghan sagt nicht zu Unrecht in ihrem Vorwort: "Schlagzeuger sind unterbewertet und werden zu wenig geschätzt." Deshalb hat die Irin ihnen eine Bühne bereitet: Solo! "Für mich ist das Schlagzeugspiel wie eine Art Tanz. Die Idee, diese Energie und diesen Rhythmus einzufangen, reizte mich."

Schlagzeuger im Fokus

Er scheint groß, ist auf jeden Fall schlank und drahtig. Konzentriert. Akkurater Kurzhaarschnitt. Das Karohemd brav zugeknöpft. Barfuß bedient er die Hi-Hat. Direkt über seinem Kopf hängt eine biedere Tiffany-Lampe: Mike D von den Beastie Boys.

Ganz anders, er: Eine Serie von acht kleinen Bildern zeigt, wie seine schulterlangen Haare in alle Richtungen fliegen, ihm die Sicht verdecken, in seinem Bart hängen bleiben. Auch die Stöcke fliegen. Mal scheint er beim Spielen zu schreien, mal angestaute Luft auszublasen: Andy Burrows (Razorlight / We are Scientists / Mark Ronson).

Sie: Eine der wenigen Frauen in dieser Männerdomäne - und dabei besonders stylish! Blauer Samt-Nadelstreifenanzug, fast bodenlange Perlenkette, passender Lippenstift, Sonnenbrille, Afro. Dass sie ihr Instrument ganz schön malträtiert, davon zeugen die unzähligen Beulen auf Trommeln und Becken: Cindy Blackman (Lenny Kravitz / Carlos Santana).

Die Fotografien zeigen die Drummer versunken oder verschwitzt, vor und hinter dem Instrument, in ihren Studios oder der privaten Wohnung. Steht sein Schlagzeug tatsächlich im Schlafzimmer direkt vor dem Doppelbett: Steven Drozd (The Flaming Lips).

Musiker in privater Umgebung

Oft ist das Drumset auch gar nicht abgelichtet, wie bei Dave Grohl von Nirvana. Mister Grohl, leger auf einer lila Plüsch-Insel sitzend, die Haare fein frisiert, umgeben von quietschbunten Kinderspielsachen - Puppenwagen, Mini-Pferden, Spielzeugautos - so was halt ... Dave Grohl erzählt, wie er sich ursprünglich aus Kissen ein Drumset gebaut hat.

Einer seiner Kollegen berichtet, dass der Papa die Bigband in Disneyland geleitet habe und er so mit Jazz und Musik generell in Berührung gekommen sei: Josh Freese von Nine Inch Nails.

Wieder ein anderer, dass die Mutter Backgroundsängerin für das Plattenlabel Motown war und er so in dieses "crazy business" eingeführt wurde: Dennis Chambers (Parliament / Funkadelic / Santana). Er könne sich noch genau an die Farbe des Studio-Schlagzeugs erinnern, erzählt Chambers weiter: eine Farbe wie prickelnder Champagner.

Porträts mit kleinen Hintergrundgeschichten

Diese kleinen Hintergrundgeschichten der Drummer haben eine Sogwirkung: Etwa die der "Operation Drums": Stephen Morris von Joy Division. Weil sein Zimmer so klein war, räumte er sein Schlagzeug jeden Morgen in das Schlafzimmer seines Vaters, um dort zu üben. Nach dem Abendessen - alles wieder zurück. Tag für Tag.

Oder die Geschichte mit den Plateau-Schuhen von John Starks (Bobby 'Blue' Band / James Brown / B.B.King). Keine Band war so gut gekleidet wie die von James Brown, erinnert sich Starks. Und natürlich mussten sie diese hohen Plateau-Schuhe tragen. Tat er auch. Bis er hinter den Drums saß. Dann wechselte er heimlich in seine Schlappen.

Zwischen Porträts und erzählerischen Flashbacks finden sich Nahaufnahmen von Dutzenden durchgespielten Schlagzeugstöcken; von schwieligen, vernarbten Händen.

Der Bildband ist ungefähr so schwer wie drei aufeinandergestapelte Becken - und auch inhaltlich eine Wucht. Ein bildschönes Buch, das nicht nur die Liebe für Rhythmus zelebriert, sondern den Beat einer pulsierenden Musiker-Welt erlebbar macht.

The Drum Thing

von Deirdre O'Callaghan
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Englisch
Verlag:
Prestel Verlag
Bestellnummer:
978-3-7913-8269-2
Preis:
45,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.01.2017 | 17:40 Uhr

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