Stand: 24.06.2019 10:00 Uhr

Überraschende Regeln für das Leben

Was das Leben kostet
von Deborah Levy, aus dem Englischen von Barbara Schaden
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Deborah Levy ist in Großbritannien bekannt als Theater- und Romanautorin, als Lyrikerin und streitbare Denkerin. In Deutschland beeindruckte sie im vergangen Jahr mit "Heiße Milch. Ihr neues Buch heißt: "Was das Leben kostet".

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Erstaunlicherweise fehlt bei der Autorin völlig das Baden in Selbstmitleid.

In ihrem neuen Buch erzählt Deborah Levy von ihrer eigenen Lebenslage, als vor etwa zehn Jahren ihr bisheriges Leben auseinander brach, ihre Ehe scheiterte und sie einen Neustart wagen musste. Das Buch hätte auch den Titel haben können: Wenn das Leben auseinander bricht.

Es ist eine überraschend starke Frau, die aus diesem Text spricht. Schon beim Hineinlesen hat man das Gefühl, es strömt hier eine eigenwillige Energie vom Papier. Es ist kein Roman und kein Egobericht, sondern eine Bestandsaufnahme und ein Nachdenken über eine bestimmte Lebensphase.

Der Beginn einer neuen Lebensphase

Fünfzig Jahre alt, die Ehe ist zerbrochen, die Tochter selbstständig, die eigene Mutter pflegebedürftig. Was Deborah Levy daraus macht, ist eine kleine Schule des Überlebens und Genießens in ruppigem Fahrwasser.

Wenn wir nicht mehr überzeugt sind von der Zukunft, die wir planen, nicht von dem Haus, für das wir uns verschuldet haben, nicht von dem Menschen, der neben uns schläft, dann kann es schon sein, dass uns ein Unwetter (das sich seit langem am Himmel zusammenbraut) der Person näher bringt, die wir in der Welt gern wären. Leseprobe

Überraschende Wendungen und Pointen

Es ist häufig bei Deborah Levys Sätzen so, dass sie anders enden, als man gedacht hätte. Sie findet immer wieder erstaunliche Pointen und wunderbar ist ihre völlige Abstinenz von Selbstmitleid und allem, was das Baden darin angeht.

Wenn vom Märchen des schönen Heims, in dem Glück und Behagen von Mann und Kind immer vorgehen, die Tapeten abgerissen werden, kommt dahinter eine unbedankte, ungeliebte, vernachlässigte, erschöpfte Frau zum Vorschein. Um ein Heim zu schaffen, das allen wohltut und gut funktioniert, braucht es Geschick, Zeit, Hingabe und Einfühlungsvermögen. Vor allem zeugt es von kolossaler Selbstlosigkeit,  Architektin des Wohls aller anderen zu sein. Leseprobe

Suche nach neuem Glück

Wer durch die Vorstädte unserer reichen westlichen Welt wandert, kann diese Erkenntnis studieren. Die schmucken Häuschen, für die sich vermutlich jemand Jahre lang krumm gelegt hat. Schon Alexander Mitscherlich warnte in "Die Unwirtlichkeit unserer Städte", dass diese Häuser den damit verbundenen Landschaftsraub nicht wert seien, weil selten Familienglück darin wachsen könne.

Deborah Levy wertet nicht, sie registriert und als Frau macht sie sich auf, das Glück neu zu finden. Sie geht unter Menschen und trifft auf einer kleinen Festlichkeit einen fremden und auf den ersten Blick nicht unsympathischen Mann.

Er war groß und dünn, vermutlich Ende sechzig und schien nach meiner Gesellschaft zu verlangen. Eine Zeit lang redete er über seine Bücher und seine Frau (namenlos), die angeschlagen zu Hause geblieben sei. Mir stellte er keine einzige Frage, wollte nicht einmal meinen Namen wissen. Was er brauchte, war anscheinend eine ergebene, liebreizende Frau an seiner Seite, die ihn mit Häppchen versorgte und ihn fraglos als Chef anerkannte. Leseprobe

Erkennen und Lösen von Problemen

Lebensregel Nummer 75: Hüte dich vor Männern, die ihre Ehefrau nicht mit Namen nennen, sondern nur von "meiner Frau" sprechen. Auch beste Freundinnen tauchen bei Deborah Levy auf. Als Gesprächspartnerinnen, Helferinnen in der Not - manchmal auch als Vorbild. Eine Freundin beeindruckt durch ihre kapriziösen Ansprüche an das Leben - wie etwa beim gemeinsamen Schwimmbadbesuch:

Einmal vermisste sie ihren Türkisring und bat den Bademeister, das Wasser abzulassen. Leseprobe

Soweit sind die meisten von uns noch nicht: Zu verlangen, dass ein Schwimmbecken geleert wird, weil wir etwas vermissen. Aber es ist doch gut zu wissen, dass es möglich wäre, solche Forderungen zu denken. Deborah Levy ist eine Meisterin im Erkennen und Lösen von Problemen. Und auch der Türkisring findet sich schließlich als Lesezeichen im Buch der Freundin.

Was das Leben kostet

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00514-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.06.2019 | 12:40 Uhr

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