Stand: 14.08.2020 10:52 Uhr

David Grossmans dunkle Familiengeschichte in Jugoslawien

von Annemarie Stoltenberg
Cover des Buchs "Was Nina wusste" von David Grossman © Hanser
Eine israelische Familie reist in die Vergangenheit der Mutter, die in Jugoslawien unter Tito Schlimmes erlitten hat.

Der israelische Schriftsteller David Grossman ist nicht nur einer der wichtigsten Autoren seines Landes, auch international zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart. Vor zehn Jahren wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet und für den Roman "Kommt ein Pferd in die Bar" bekam er den internationalen Booker Prize. Er ist also einer in der Reihe derer, die einmal den Literaturnobelpreis bekommen könnten. Sein neuer, jetzt auf Deutsch erscheinender Roman hat den Titel "Was Nina wusste" und führt in finstere Abgründe der Geschichte Jugoslawiens unter Tito.

Es ist so eine weltumarmende Kraft und Energie, die dieser Roman verströmt. Eine Ansprache aus dem Text heraus, ohne Umschweife mitten ins Herz. Gleich mit dem Einstieg sind wir gefangen.

Rafael war fünfzehn, als seine Mutter starb und ihn von ihrem Leid erlöste. Es regnete. Leseprobe

Nach ihrem Tod fühlt Rafael sich ihr noch mehr als zuvor verpflichtet. Er hat das Gefühl, nun erst recht wisse sie, was er über sie gedacht habe. Nach einer angemessenen Trauerzeit wird seinem Vater Tuvia von der Kibbuz-Gemeinschaft eine neue Frau vermittelt. Das ist Vera. Eine unglaublich starke Persönlichkeit, die mehrere Jahre auf einer Gefängnisinsel der Geheimpolizei von Tito überlebt hat. Als sie kommt, wehrt Rafael das ab. Vera steht mit ihrem Koffer vor ihm und sagt:

"Niemand auf der Welt kann sein wie deine Mutter, und das hier ist dein Zuhause (…) aber ich verspreche dir, (…) wenn du mich nicht willst, du musst nur ein Wort sagen, und ich nehme meine Sachen und gehe." Lesprobe

Eine neue Mutter, ein neuer Sohn

Die beiden werden sich lieben als neuer Sohn und neue Mutter. Sanft und mit untrüglichem Sprachgefühl hat Anne Birkenhauer in die wörtliche Rede von Vera einen osteuropäischen Akzent eingewebt, der ebenfalls unwiderstehlich ist. Bei der Feier zu ihrem 90. Geburtstag erinnert Vera sich daran, dass in Tuvias Schlafzimmer Bilder von seiner ersten Frau und ihrem ersten Mann hingen.

"(…) und sie werden uns beiden heilig sein (...)" Leseprobe

, erklärte Tuvia ihr damals und sie gesteht viel später ihren Enkeln, dass diese Bilder bei Bedarf auch umgedreht wurden:

"Und diese Wand haben sie gekannt sehr gut. " Leseprobe

Leise schmunzelnd, mit unverwüstlichem Witz beginnt die Erzählung von Veras Lebensgeschichte. Sie hat ein seltsam kaltes, abweisendes Verhältnis zu ihrer eigenen Tochter, während sie ringsum in der Familie große Liebe verbreitet.

Reise in die Vergangenheit ins ehemalige Jugoslawien

Nina, die Tochter, kommt zum 90. Geburtstag ihrer Mutter und trifft dort auf Rafael, für den sie die einzige große Liebe seines Lebens war, und Gili, ihre eigene Tochter, Veras Enkeltochter. Nina eröffnet ihrer Familie, dass sie an Demenz erkrankt ist und zwar so weit, dass, wie sie es formuliert, der "Zug den Bahnhof bereits verlassen hat".

Sie will nun mit Rafael, ihrem Ex-Mann, der Filmregisseur ist, ihrer Tochter Gili und der Mutter Vera in das ehemalige Jugoslawien reisen, zu den Orten, an denen Vera schier Unbeschreibliches erlitten hat und ihr Vater Milos, der erste Mann von Vera, sich aus Furcht davor, bei Verhören durch Titos Geheimpolizei Kameraden zu verraten, das Leben genommen hat.

Veras Leben unter Titos Geheimpolizei

Mit einer einfachen Kamera im Gepäck fliegen sie nach Kroatien und Vera erzählt rückhaltlos ihre Lebensgeschichte, von ihrer Liebe zu Milos und warum sie damals ihr sechsjähriges Kind verlassen hat, weil sie sich von Titos Schergen nicht brechen lassen wollte. Für die Tochter Nina bedeutet das, ihre Mutter hat sich damals gegen sie, gegen ihr Kind entschieden, um andere zu schützen. Das ist ihre große, nie heilende Wunde. Ein gestörtes Mutter -Tochter Verhältnis.

Was kann man noch reparieren?

Der Roman umkreist die Frage, was man denn eigentlich nachträglich noch ins Lot bringen und reparieren kann, nachdem man unvorstellbare Folter überlebt hat und Opfer zu beklagen sind. Enkeltochter Gili ist diejenige, die die Geschichte ihrer Großmutter dokumentiert. Sie weiß, wie hoch der Preis auch für die Überlebenden der Enkelgeneration bleibt. Ein zum Niederknien überragend guter Text.

Was Nina wusste

von David Grossman, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26752-7
Preis:
25 €

Dieses Thema im Programm:

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