Eine Frau sitzt vor zwei Bücherstapeln und liest ein Buch. © picture alliance/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Jan Woitas

Das war 2020: Rückblick auf das Literaturjahr

Stand: 28.12.2020 08:45 Uhr

2020 stand im Zeichen eines winzigen unsichtbaren Etwas, das mit Macht die Zeichen auf Veränderung stellte. So auch in der Literatur, die auch in dieser Situation für Überraschungen sorgte.

von Ulrich Kühn

"Bliebe ich nicht bei dem kleinen Einzelnen, bekäme ich das Große nicht in Sicht." So dichtet Elke Erb, geboren 1938 und noch immer für Überraschungen gut: Sie bekam den Georg-Büchner-Preis 2020. Auch Helga Schubert, 80, in der Nähe von Schwerin lebende, frisch gebackene Bachmannpreis-Gewinnerin, behielt beharrlich das Ganze im Blick. Wer beim Einzelnen bleibt, sieht zuletzt das Große: So war das speziell in diesem Jahr, in dem das Kleine riesenhaft wurde. Felicitas Hoppe sprach es aus, die im Oktober als Erste den "Großen Preis des Deutschen Literaturfonds" gewann: "Mir schien, als würde sich durch dieses Virus eine Art Lupe über die Wirklichkeit legen, die die Probleme, die wir haben, nur überdimensioniert sichtbar macht. Also, ich würde sagen: Ich habe nie klarer gesehen als jetzt."

Gleich zwei tolle Bücher über die Wende

Cover des Buchs "Stern 111" von Lutz Seiler © Suhrkamp
Für "Stern 111" bekam Lutz Seiler den Preis der Leipziger Buchmesse.

Dazu brauchte es Mut im "Krönungsjahr der Corona", in dem sich die Frage neu stellte: Was, wenn ich großartig schreiben kann, aber nicht mehr gut davon leben? Wohl denen, die so mutig blieben wie die Protagonisten in "Stern 111", dem schwungvoll-schönen Roman, für den Lutz Seiler im März den Preis der Leipziger Buchmesse einstrich - den Preis einer Messe, die nicht stattfinden konnte. "Zwei mutige Ost-Thüringer mit Anfang 50 ziehen nochmals los in die Welt", sagt Lutz Seiler über sein Buch. "Also das war für mich ein großer Spaß, das zu erzählen, und damit auch ein bisschen eine Umkehrung dessen zu erzählen, was man sonst bereit ist, über den Osten und seine Bürger anzunehmen."

Auch eine Überraschung, dass 30 Jahre nach der Einheit zwei tolle Romane erschienen, die von deutscher Wende origineller erzählen als viele zuvor. Der zweite, "Die rechtschaffenen Mörder", ist von Ingo Schulze, der ein Bundesverdienstkreuz bekam. Ob es ihn überraschte?

Schreiben im Schatten der Corona-Pandemie

Monika Helfer sitzt auf dem Boden umgeben von Blumen und Pflanzen. © NDR Foto: Alexander Solloch
Monika Helfer landete mit "Die Bagage" in den Bestsellerlisten.

Von ihr selbst verwundert bezeugt ist Monika Helfers Überraschung, weil ihr Roman "Die Bagage" so viele Fans gewann, dass schier die Bestsellerlisten barsten: "Ich glaub's einfach nicht, denn ich schreibe schon so lange, und meine Bücher sind halt immer so lala; und dieses Buch - es war ja unglaublich."

Es gab dolle Sachen in diesem irren Jahr, in dem die unverhoffte Stille scheinbar denen entgegenkam, die in Ruhe schreiben wollten. Doch so ist sie nicht, diese Welt: "Mir ist klar geworden, wie stark die Innenwelt, oder meine Innenwelt, auch meine schöpferische Innenwelt, von einem Funktionieren dieser Außenwelt abhängig ist", sagt Felicitas Hoppe. "Und deshalb fällt mir das Arbeiten im Moment viel schwerer als sonst."

Deutscher Buchpreis für Anne Weber

Ein paar Glückliche standen im Licht, wie auch Anne Weber, die für "Annette, ein Heldinnenepos" den Deutschen Buchpreis bekam. Ihre feine Einfühlungskunst galt Anne Beaumanoir, ihrer Heldin - und, als sie den Preis bekam, auch der Konkurrenz: "Hinterher ist es ja so, dass man auch im Publikum die Gesichter der anderen noch sieht, die ihn nicht bekommen haben, und das ist schon nicht so schön."

"Cancel Culture": Irrlichternde Debatten in einem verrückten Jahr

Kabarettistin Lisa Eckhart  Foto: Andre Havergo
Lisa Eckhart sollte eigentlich beim Harbour Front Festival lesen, doch die Veranstaltung wurde abgesagt.

Viele wären gern aufgetreten - nicht nur online, in Fleisch und Blut -, um mit dem Publikum zu sprechen. Das Coronavirus nahm ihnen die Bühne. Andere durften nicht: Die Kabarettistin Lisa Eckhart sollte aus "Omama", ihrem Romandebüt, in Hamburg beim Harbour Front Literaturfestival lesen. Stattdessen eine trübe Posse: Von Drohungen wurde geraunt, und zwei zunächst anonyme Kollegen wollten mit der Umstrittenen nicht auf dem Podium sitzen. Also Zank um "Cancel Culture". Und Eckhart - gecancelt, entcancelt, die Wiedereinladung selber cancelnd - sagte auf NDR Kultur: "'Cancel Culture'? Ja, ich werde mich sicher noch damit auseinandersetzen. Weil ich dieses 'Culture', also die 'Kultur' in dem Begriff, nicht als das Subjekt - also: eine Kultur, die cancelt -, sondern als das Objekt sehe. Nämlich, dass man teilweise bestrebt ist, Kultur als Ganzes zu canceln. Und das ist nicht etwas, was ich einem politischen Lager zuordnen würde."

Irrlichternde Debatten in einem verrückten Jahr, in dem Monika Maron nach fast 40 Jahren vom Verlag S. Fischer den Stuhl vor die Tür gesetzt bekam. Sie wollte auch anderswo publizieren, wo man aus Sicht des Verlags mit der großen Tradition nicht publizieren sollte, weil man zu weit nach rechts geriete.

Weltliteratur will entstehen und entsteht

David Grossman © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: David Heerde
David Grossman schrieb mit "Was Nina wusste" ein großes Buch.

Nicht zu canceln ist Weltliteratur. Sie will entstehen und entsteht. Und manchmal reicht ein Satz, um sie anzukündigen: "Rafael war 15, als seine Mutter starb und ihn von ihrem Leid erlöste." David Grossmans "Was Nina wusste" ist ein großes Buch, das in einem dunklen Jahr von noch dunkleren Dingen erzählt und doch glücklich macht.

Und hat nicht die Literatur auch ein Bestätigungsglück erfahren? Büchertaxis, als die Läden dicht waren, mancher Verlag, der zuletzt doch gut durchkam, weil Menschen Bücher schätzen - viele lesenswerte neue und brandaktuelle Klassiker wie Albert Camus' "Die Pest", das Wiedergelesen-Wunder des Jahres.

Wäre 2020 ein Buch, hieße es vielleicht: "Der Einbruch der unsichtbaren Wirklichkeit". Und was wäre große Literatur jemals anderes gewesen als unsichtbar-wahre Wirklichkeit?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.12.2020 | 14:20 Uhr

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