Abdulrazak Gurnah: "Das verlorene Paradies" © Penguin

"Das verlorene Paradies": Gurnah zeigt Verlust von Traditionen

Stand: 07.12.2021 15:07 Uhr

Als der Literaturnobelpreis 2021 an Abdulrazak Gurnah vergeben wurde, war die Überraschung groß und die Tische in den Buchläden leer. Der Penguin Verlag hat nun seinen Roman "Das verlorene Paradies" neu aufgelegt.

von Jan Ehlert

Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse. Weil sein Vater sich bei einem reichen Kaufmann zu viel Geld geliehen hat, muss der junge Yusuf mitgehen in die ferne große Stadt, um die Schulden abzuarbeiten. Alles dort erscheint ihm fremd. Besonders aber der geheimnisvolle Garten seines Herrn, den zu betreten ihm streng verboten ist.

Seine Stille und Kühle, die selbst aus der Entfernung zu spüren waren, hatten Yusuf gleich bei seiner Ankunft verzaubert. Von dem Teich in seiner Mitte verliefen Wasserrinnen in alle vier Himmelsrichtungen. Die Quadranten waren mit Bäumen und Büschen bepflanzt, von denen einige blühten: Lavendel, Henna, Rosmarin und Aloe. Yusuf träumte, abends steige der Duft auf und mache ihn schwindeln. In seiner Verzückung glaubte er, Musik zu hören. Leseprobe

Das Motiv des Gartens als geheimnisvolles Paradies, das Gurnah hier aufgreift, ist eines der bekanntesten und ältesten Motive der arabischen Poesie. Ein Händler mit Namen Abdulrazak, also ein Alter Ego des Autors, gibt den Hinweis auf den persischen Dichter Dschami, zu dessen berühmtesten Werken der "Rosengarten" aus dem Jahr 1259 stammt. In dem Gedicht, das auch in der Eingangshalle des Hauptquartiers der UNO angebracht ist, heißt es:

Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt, verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt. Leseprobe

 

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Der tansanische Literatur-Nobelpreisträger von 2021, Abdulrazak Gurnah © picture alliance / StockPix | Ger Harley | EdinburghEliteMedia.co.uk Foto: Ger Harley | EdinburghEliteMedia.co.uk

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"Das verlorene Paradies": Ein düsteres Bild der Deutschen

Yusuf, der Protagonist in "Das verlorene Paradies" ist so ein Mensch, der sich anrühren lässt. In all seinem Leid versucht er, ein guter Mensch zu bleiben, sich in andere hineinzufühlen. In die verrückte Alte, die ihn heiraten möchte, genauso wie in den Händler, dessen Leibeigener er ist. Das Bild, das Gurnah von den Deutschen zeichnet, die zum Zeitpunkt des Romans ihre Macht in Afrika ausbauen wollen, fällt dagegen deutlich düsterer aus. Yusuf erfährt von ihnen aus den Erzählungen eines Freundes.

Bewundernd sprach er von ihrer Strenge und Unerbittlichkeit. Jeder Verstoß wurde bestraft, wie sehr das Opfer auch um Gnade flehe oder sich zu bessern gelobe, erzählte er. Je härter die Strafe, desto unerbittlicher und unversöhnlicher sind sie. Und ihre Bestrafung ist immer hart. Ich glaube, sie strafen gerne. Bring ihnen einen Mörder, und ihre Augen funkeln vor Glückseligkeit, wenn sie die Galgen aufstellen. Leseprobe

Mit Joseph Conrads "Herz der Finsternis" ist dieser Roman verglichen worden, der Geschichte um den Händler Kurtz, der in Afrika dem Wilden, Barbarischen in ihm erliegt. Bei Gurnah ist es umgekehrt: Das Barbarische kommt mit den Europäern. Es ist diese Perspektivverschiebung, die das Werk von Gurnah so interessant macht. Die Kolonialisierung Afrikas wird hier aus Sicht der Einheimischen erzählt. Einige Figuren bleiben dabei bloße Karikaturen, deren vulgäre, andere abwertende Sprache aus heutiger Sicht anstößig wirkt.

Abdulrazak Gurnah zeigt wie der Einfluss der Europäer afrikanische Traditionen bedroht

Unabhängig davon aber macht Gurnah die Sorge der Afrikaner um ihre Handelswege spürbar, aber auch um ihre Traditionen und Geschichten, die bedroht sind und an denen sie sich umso verzweifelter festhalten. Das titelgebende verlorene Paradies, es ist nicht nur der Garten Eden, sondern auch die Zeit vor der Kolonialisierung. Besonders eindringlich wird dies, als Yusuf - wie Marlow bei Joseph Conrad - mit einer Handelskarawane tief in den afrikanischen Kontinent vordringt und dort auf Stämme fernab der Zivilisation trifft - aber auch hier bereits der Einfluss der Europäer spürbar wird. Am Ende kehrt Yusuf zurück in die Stadt mit dem verbotenen Garten, erhält endlich Einlass. Doch auch dieses Paradies hat seinen Preis, nämlich die eigene Vergangenheit aufzugeben.

Gurnah erhalte den Nobelpreis "für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten", lobte die schwedische Akademie. Wer diesen Roman liest, der kann ihr darin nur zustimmen.

Das verlorene Paradies

von Abdulrazak Gurnah, übersetzt von Inge Leipold
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Penguin
Bestellnummer:
978-3-328-60258-3
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.12.2021 | 12:40 Uhr

Podcast-Teaserbild Das Journal von NDR Kultur © NDR
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