Stand: 15.09.2020 10:05 Uhr

Twardochs Roman über das Grauen im Warschauer Ghetto

von Peter Helling

Szczepan Twardoch ist einer der herausragenden Autoren der Gegenwart. Der 1979 im polnischen Pilchowice geborene Schriftsteller hat zuletzt mit seinem Buch "Der Boxer" für internationale Aufmerksamkeit gesorgt. Das wurde sogar schon für die Theaterbühne adaptiert.

Twardoch: "Das schwarze Königreich" © Rowohlt
Beeindruckende Geschichte über die Aufstände im Warschauer Ghetto.

Jetzt erscheint sein neuestes Werk, "Das schwarze Königreich", es knüpft inhaltlich an den "Boxer" an, ist aber auch eigenständig zu lesen.

Bücher können das Schweigen brechen. Es gibt verräterische Bücher, Bücher, die trösten und solche, die wie alte Freunde am Küchentisch sitzen - und es gibt Bücher wie diese. Bücher, die zur inneren Stimme werden. Die man nicht weglegen kann, weil sie anfangen, aus einem selbst zu sprechen.

Ich liebe, liebte einen bösen Menschen, dachte ich damals, als ich seinen Körper betrachtete, die blaugrauen Tätowierungen und die von dickem Speck überwachsenen Muskeln. Leseprobe

Ryfka und Davids Erinnerungen

Da sprechen zwei Stimmen, die eine von Ryfka, die andere von David, immer im Wechsel, Kapitel für Kapitel.

Daniel fing natürlich an zu weinen, als Vater ging, und ich begriff plötzlich, dass mein Vater, mein betrunkener großer Vater, innen hohl ist, ausgehöhlt. Leseprobe

Immer bleibt in der Schwebe, aus welcher Perspektive machen sie das? Schöpfen sie aus der Erinnerung, oder zwingen sie eine Gegenwart herbei, die einfach nicht aufhören will zu bluten, ein brutales Jetzt? Wohl beides.

Polen und Juden existieren nicht mehr als Rotkäppchen und Gott, Letzterer natürlich erst recht nicht. Nur ich bin da und existiere, im Grau. Leseprobe

Stimmen des Nichtvergessens

Es sind Stimmen aus dem Grau des Nichterinnerns, des Nichtvergessens. Ryfka und David, beide sind schicksalhaft verbunden mit dem titelgebenden "Boxer" aus dem Vorgängerroman Szczepan Twardochs. Dem jüdischen Box-Champion, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zum Unterweltkönig Warschaus aufsteigt. Ryfka ist Jakubs allererste Geliebte, David sein Sohn.

Jakub Shapiro, der Boxer, ist 1944 nur noch ein Schatten seiner selbst. Ryfka versteckt sich mit ihm in einer Warschauer Ruine, während der Besetzung durch die Deutschen. Und David? Er hasst seinen Vater, der ihn, seinen Bruder und seine Mutter am Umschlagplatz in Warschau stehen gelassen hat. Bevor der Zug nach Treblinka abfuhr.

Wo warst du, als sie uns in den Waggon stießen, auf eine Art, durch die wir, Mama und ich, sofort begriffen, dass wir zur Hölle fuhren. Leseprobe

Beschreibung einer Schreckenszeit

Die Erzählerstimmen sind beides: Schatten und pure, glasklare Gegenwart: Sie trotzen der Zeit. Diese Art des Erzählens macht aus dem Roman ein Meisterwerk.

Die Musik einer Schreckenszeit. Die Stimmen schildern wieder und wieder, was damals passierte in den toten Straßen Warschaus, nach den Aufständen gegen die deutschen Besatzer, bis die Stadt vor dem inneren Auge steht, plastisch, roh. Man meint sie zu riechen, zu schmecken, zu spüren. Die Spannung wird manchmal unerträglich. Unfassbare Brutalität wechselt sich ab mit einer Sinnlichkeit und Zartheit im Auge des Sturms, die sprachlos machen. Und immer wieder das:

Nicht er allein schoss in den Himmel. Dem Herrgott ins Fenster, und der Herrgott stand dann an seinem Fenster, und deshalb gibt es ihn gar nicht mehr. Ein paar Körper fallen in den Graben, andere stehen weiter da, die Frau mit dem Mädchen steht auch noch und heult. Leseprobe

Eine Welt ohne Gott

Szenen, die Twardoch aber nicht ins grelle Licht zieht, sondern beinahe schützend streift, nur antupft. Das "schwarze Königreich" ist eine Welt ganz ohne Gott. Beinahe der Beweis seiner Nicht-Existenz - und ist doch ein so glutvoller Nachweis der Wirklichkeit menschlicher Nähe, menschlichen Vertrauens und der Liebe. Szczepan Twardoch hat große Literatur geschaffen, erschütternde, ja radikale Poesie.

Ich weiß nicht, wann ich bin und wo ich bin und was ich bin. Ich habe nur Gedächtnis und Wissen, bin in einem Grau, das ich selbst nicht sehe, denn ich habe weder Augen noch Ohren, auch keinen Leib, ich habe nur Erinnerung, ich bin Erinnerung.     Leseprobe

Was bleibt? Vielleicht bleibt eine alte Armbanduhr mit phosphoreszierenden Ziffern.

Das schwarze Königreich

von Szczepan Twardoch, aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-7371-0073-1
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.09.2020 | 12:40 Uhr

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