Ana und August Zirner © Bettina Flitner

"Das Schreiben ist ein Gesundungsprozess"

Stand: 13.12.2021 16:46 Uhr

Ungefähr gleichzeitig begannen der Schauspieler August Zirner und seine Tochter Ana sich für die Geschichte ihrer Großmütter zu interessieren. Das Buch "Ella und Laura - von den Müttern unserer Väter" erzählt eine bewegende Geschichte zweier jüdischer Familien.

Ana und August Zirner haben sich auf Spurensuche begeben und sich gefragt: Wer waren die Mütter ihrer Väter? Ihr Buch handelt von zwei Frauen, die 1938 aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln von Wien in die USA emigrieren mussten. Die Großmutter von August Zirner, Ella Zirner-Zwieback leitete bis zur Flucht ein nobles Modekaufhaus in Wien. In Ellas Kaufhaus werden die Stoffe aus der Spinnerei des Vaters ihrer späteren Schwiegertochter Laura verarbeitet. Die beiden Damen begegnen sich jedoch erst viel später - im Jahr 1942 in New York, als Laura Ellas Sohn Ludwig heiratet.

Bei NDR Kultur à la carte erzählen Ana und August Zirner, warum sie dieses Sachbuch geschrieben haben. August Zirner erfuhr erst im Alter von 40 Jahren Genaueres über das Schicksal seiner jüdischen Großmutter.

Cover: "Ella und Laura - von den Müttern unserer Väter". © Piper Verlag
"Ella und Laura - von den Müttern unserer Väter ist bei Piper erschienen und kostet 22 Euro.

Ana Zirner: Ich konnte das lange gar nicht verstehen, dass er das so lange nicht wusste. Ich wusste das mit 13 Jahren schon. Für mich war es bis zum Anfang dieses Prozesses - als wir das Buch geschrieben haben - unverständlich, dass mein Vater sich so lange nicht damit auseinandergesetzt hat. Das ist aber auch eine Generationenfrage. Ich bin mit dem historischen Wissen um diese Zeit aufgewachsen und natürlich hat es mein Bewusstsein geprägt. Mittlerweile kann ich es verstehen. Weil ich meine Großmutter besser kennengelernt habe und weil ich nachvollziehen kann, warum man gewisse Dinge verdrängt und das an die eigenen Kinder nicht weitergeben möchte. Ich glaube, das ist etwas, was diese ganze Generation prägt: Täter wie Opfer.

August Zirner: Ich denke, dass die Kinder und Enkel der Opfer die Hand den Kindern und Enkeln der Täter reichen müssen. Es ist viel schwerer, für Täter als für Opfer zu sprechen. Es kann nur funktionieren, wenn man sagt: erzähl mir.

Ana Zirner: Das ist sehr viel leichter, wenn man eine Generation überspringt. Die Distanz zu den eigenen Eltern, die hat man erstmal nicht. Aber zu den eigenen Großeltern kann man eine Distanz haben, aber aus dieser Distanz kann dann wieder auch eine Nähe werden. Weil man Fragen stellt, die man als Tochter oder Sohn nicht stellen würde.

Wie geht es Ihnen, Herr Zirner? Mit Ana sind sie ja sehr intensiv im Gespräch. Sie haben noch drei andere erwachsene Kinder. Sind sie da auch im Gespräch? Ist diese Zeit da auch ein Thema?

August Zirner: Durch das Schreiben ist das mit Ana natürlich sehr in den Fokus geraten. Gespräche finden natürlich auch mit den anderen statt. Aber wir haben eine Verabredung, dass wir über die anderen Geschwister nicht in ihrer Abwesenheit sprechen.

Sie schreiben auch von einem Dazwischen. Sie sind zweisprachig aufgewachsen, haben zwei Staatsbürgerschaften, leben jetzt aber schon lange in Deutschland. Hat die Arbeit an dem Buch, das Forschen nach Erinnerungen Ihnen geholfen, mehr zu einem Ort zu kommen?

August Zirner: Auf jeden Fall. Das war zwar gar nicht die Absicht, aber das Schreiben ist ein Gesundungsprozess. Ich erzähle wahnsinnig gerne Geschichten - egal ob als Schauspieler, Musiker oder jetzt mit diesem Buch. Ana hat auch große Anregungen dazu gegeben. Noch bevor wir gemeinsam daran gearbeitet haben, habe ich ihr einmal gezeigt, was ich geschrieben habe. Und sie hat gesagt, das ist doch gut, und gar nicht verstanden, warum ich so zögerlich war. Und beim nächsten Mal hat sie gesagt: Egal was du machst - ich schreibe jetzt.

Ana Zirner: Wir haben uns schon gegenseitig motivieren können. Ich glaube, dass es für die Leserinnen und Leser interessant ist, dass wir als Vater und Tochter zwei unterschiedliche Perspektiven haben und auch unterschiedliche Schreibstile. Insgesamt kommen vier Generationen in diesem Buch vor. Diese Überkreuzung ist aber natürlich auch eine Herausforderung in der Auseinandersetzung mit diesen Geschichten.

Das Gespräch führte Katja Weise.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 13.12.2021 | 13:00 Uhr

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