Stand: 17.01.2020 13:30 Uhr  - NDR Kultur

Madame Nielsen schreibt gegen die Angst: "Das Monster"

Das Monster
von Madame Nielsen, aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer
Vorgestellt von Lisa Kreißler
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Die Zwillinge auf dem Cover von "Das Monster" spielen auch im Roman eine besondere Rolle.

Bei kaum jemandem sind Kunst und Leben so untrennbar miteinander verbunden wie bei Madame Nielsen. Die in den 60er-Jahren als Claus Beck-Nielsen geborene Künstlerin beerdigte nicht nur ihre bürgerliche Identität vor laufender Kamera auf einem dänischen Friedhof. Sie ging auch mit einer weißen Flagge im Anzug durch den Irak, um die demokratische Idee Europas zu überbringen und lebte ein Jahr als Obdachlose in Kopenhagen auf der Straße. Das Nebeneinander von Wirklichkeit und Fiktion war auch das bestimmende Motiv in ihrem 2018 auf Deutsch erschienen Roman "Der endlose Sommer". Jetzt erscheint ein zweiter Roman in deutscher Sprache: "Das Monster".

Wer dieses Buch aufschlägt, begibt sich auf unsicheres Terrain. Denn in der Welt, in die uns Madame Nielsen mitnimmt, gibt es zwar Tag und Nacht, aber was das eine vom anderen unterscheidet, ist unklar. Ist es New York, ein David-Lynch-Film oder eine Pop-Art-Bibel über Jesus in Manhattan?

Ohne Erwartungen an New York und an das Leben

Er hatte keinerlei Erwartung von irgenderlei Leben, doch mit jedem Schritt tiefer wurde ihm schwindeliger, alles drehte sich, nicht nur die Wendeltreppe drehte sich, die drehende Wendeltreppe drehte sich. In die falsche Richtung. Es war eine Offenbarung. Der Hölle. Leseprobe

Ein namenloser junger Mann aus der ehemaligen Sowjetunion reist im Dezember 1993 nach New York. Seine Ähnlichkeit mit Willem Dafoe wird ihm gleich in der ersten Bar, die er betritt, bestätigt. Wegen Dafoe hat er sich mit kaum 200 Dollar und einer Zahnbürste im Gepäck ins Flugzeug gesetzt. Er will Teil der Wooster-Group werden, jenes Theaterkollektivs um Dafoe, das mit seiner intuitiven multimedialen Arbeitsweise das postdramatische Theater verkörpert.

Als er die Probenbühne betritt, sind die "volunteers" und "associatives" über sein Auftauchen irritiert. Man ignoriert die Kommentare des Europäers. Niemand hat ihn erwartet. Niemand braucht ihn hier - und dennoch bleibt er sitzen. Ihn interessieren die schwebenden Hierarchien und Regeln, die seinen Weg auf die Bühne möglich machen könnten. Zuallererst braucht er aber einen Schlafplatz. Nach Probenende betritt er eine Telefonzelle und beginnt unbekannte Nummern aus seinem Adressbuch anzuwählen.

"Oh!", sagte die karikaturhaft feminine Stimme, und dann nochmal "oh!", und er dachte, dass dieser Typ klang wie eine Parodie von Andy Warhol, der wohl auch nur eine Parodie seiner selbst, des Künstlers und des amerikanischen Traums gewesen war. Leseprobe

Zur Untermiete in eine Folterkammer

Er folgt der wenig vertrauenerweckenden Stimme und begibt sich damit in eine schwindelerregende Folterperformance. In einem Zimmer, ausgekleidet mit Velours, wird er von einem männlichen Zwillingspaar in Pyjamas auf einem elektrischen Stuhl mit Warhol-Kunst befeuert. Anschließend tragen sie ihn eine Treppe hinauf und dringen unter dem Sternenhimmel Manhattans in ihn ein. 

Am Morgen sind die Zwillinge verschwunden. Er steigt hinab in eine ganz gewöhnliche amerikanische Küche.

Er sah den "französischen" Toast an, eine weiße, in einen Brei aus Ei und Milch getunkte und mit Butter in der Pfanne gebratene Scheibe Toastbrot, schlaff, aufgequollen, blass (sie ähnelte weniger einer Mahlzeit als einem Grippepatienten, einer über die Reling eines Atlantikliners geworfenen und bei Calais an Land geschwemmten Menstruationsbinde), die absolute Negation der Nacht mit ihrem kristallinen, bis ins letzte Detail vollstreckten Formbewusstsein. Leseprobe

Der junge Mann fügt sich in sein Schicksal

Kompromisslos fügt er sich den Anweisungen seiner neuen Rolle. Tagsüber sitzt er im Theater und verfolgt Willem Dafoes Genuschel in die Kamera. Nacht für Nacht ergibt er sich dem alptraumhaften Vergewaltigungsstück der Zwillinge. Jeden Morgen begegnet er in der Küche dem French Toast und einer Fotografie der Zwillinge als Kinder.

Wie das Cover dieses Buchs mit dem Text korrespondiert, ist nur eine nebensächliche Sensation. Man muss das einfach so sagen: Madame Nielsen verhilft der Sprache mit ihrer fließenden, gleichzeitig schwärmerischen wie harten Prosa zu neuer Kraft. "Das Monster" ist ein Kunstwerk ganz aus Sprache.

Ihre Choreografie der Worte tanzt sich in Wiederholungen und Variationen empor zur einer rauschhaften Befragung von Dichotomien: Wie beweglich Begriffe wie Gut und Böse, Kollektiv und Individuum sind, macht Madame Nielsen uns in dieser aufrüttelnden Lektüre klar.

In einem Gespräch mit Dennis Scheck antwortete Madame Nielsen auf die Frage, wie es ihr gelinge, ihre Angst zu überwinden: "Das wird Madame Nielsen nie gelingen. Deshalb schreibe ich ja."

Das Monster

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05310-4
Preis:
20,00 €

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