Gabriele von Arnim: "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" © Rowohlt Verlag

"Das Leben ist ein vorübergehender Zustand": Trauer und Scham

Stand: 15.03.2021 12:22 Uhr

In ihrem neuen Buch "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" beschreibt Gabriele von Arnim die letzten Jahre im Leben ihres Mannes, der zu dieser Zeit durch zwei Schlaganfälle gelähmt ist.

von Annemarie Stoltenberg

Gabriele von Arnim hat ein wahrhaftiges, nichts beschönigendes, ganz leises, tieftrauriges Buch geschrieben, das von Demut und Liebe leuchtet. Es weder Bericht noch Beichte. Es ist ein literarischer Text, der weit über das auf der oberen Ebene beschriebene hinausweist. Es ist eine Liebeserklärung, man kann das nicht anders bezeichnen, an einen Mann, der brillant denken und formulieren kann, in dessen Kopf immer noch die Gedanken leben, aber sein Artikulationszentrum ist durch die Krankheit getroffen:

Er findet die richtigen Worte, aber sie klingen wie geplatzte Knallerbsen. Und dann liegen da Sätze herum, und man muss versuchen, sie aufzusammeln, sie zu entziffern, um ihm endlich antworten zu können. So sehnsüchtig wartet er auf Antworten. So sehr sucht er, braucht er ein Gespräch. Er ist doch nach wie vor ein Mensch. Ein Mensch, der schnell denken, aber nicht verständlich sprechen und nicht gehen, nicht lesen und nicht schreiben kann. Gefangen. Zerstört. Eingesperrt. Zehn Jahre lang.  Leseprobe

 

Zeit zwischen Trauer und Scham

In ihrem Text beschreibt Gabriele von Arnim also diese zehn Jahre, in denen sie versucht hat, Himmel und Wunder in Bewegung zu setzen, um das Leiden ihres Mannes zu bessern, zu lindern, in irgendeiner Weise erträglich zu machen. Und die Trauer, das Gefühl, zerfleddert zu sein nach seinem Tod.

Sie erinnert sich an die kostbaren Momente von Glück und Nähe und auch an die furchtbar beschämenden, verzweifelten. Sie verschweigt nicht, dass der erste Zusammenbruch an dem Tag war, als sie sich von ihm trennen wollte. Was für ein Packen da zu tragen ist. In den ersten Stunden in der Notaufnahme der Charité in Berlin fühlt es sich an wie nach Irrwegen zurückgekehrt:

Eine neue Hoffnung? Eine zweite Chance? Woher kommt die Zärtlichkeit, die sich doch schon längst zurückgezogen hatte. Die vertrocknet war wie alte Haut. Jetzt ist sie da. Weich und geschmeidig. Beide lächeln. Beide hoffen.   Leseprobe

Ein Heimplatz kommt für Gabriele von Armin nicht in Frage

Es sind Stunden, in denen noch Hoffnung auf Genesung besteht, in denen beide noch nicht ahnen, welche wirklich grausam existenziellen Prüfungen ihnen bevorstehen. Bald sortiert sich auch der Freundeskreis neu:

Mit schwerer Krankheit konfrontiert zu werden, treibt manche in die Flucht oder in verdeckte Aggressionen. Es geht dir doch gut, sagt einer, von dem ich dachte, er sei ein Freund. Alle Welt bewundert dich. Leseprobe

Sie registriert manche Taktlosigkeiten angesichts ihrer privaten Tragödie. Eine Freundin empfiehlt ihr resolut, sie solle sich mal wieder um sich selbst kümmern, ihren Mann in ein gutes Heim geben und dort oft besuchen. Das kommt für sie nicht in Frage, er ist ihr Mann und ihr anvertraut.

"Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" kann andere trösten

Eine gute Idee ist es, Vorleser zu engagieren. Nach einiger Zeit findet Gabriele von Arnim tatsächlich 15 verschiedene Vorleser für ihren Mann, die sich abwechseln, ihm Zeitungen und Bücher vorzulesen. Bei solchen Passagen weiß man, warum es gut ist, dieses Buch, das streckenweise wirklich nur traurig macht, zu lesen. Sie zitiert ihren Mann:

Wir brauchen Geschichten, um zu leben. Wir brauchen Geschichten, um das Leben zu verstehen. Erzähl es, hast du gesagt. Und so habe ich aufgeschrieben, was das trügerische Gedächtnis mir zugespielt hat. Leseprobe

So hat sie es gemacht: Behutsam, voller Skrupel und Taktgefühl, Klugheit und mühelos herbei zitierter Weltliteratur und so ist ein Buch entstanden, aus dem andere Trost ziehen könnten. 

Das Leben ist ein vorübergehender Zustand

von Gabriele von Arnim
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Erscheinungsdatum: 23. März 2021
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00245-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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