Stand: 28.08.2019 15:22 Uhr  - NDR Kultur

Was Geld aus dem Menschen macht

Das Geld spricht
von Ernst-Wilhelm Händler
Vorgestellt von Katja Lückert

Ernst-Wilhelm Händler, 1953 in Regensburg geboren, ist Unternehmer und Schriftsteller und gilt als ausgewiesener Kenner des Wirtschaftslebens. Er hat für seine Romane, die sich immer wieder mit dem Kapitalismus und dessen Einfluss auf die Gesellschaft auseinandersetzen, schon viele Preise erhalten, aber der Jury zum Deutschen Buchpreis war sein soeben erschienener Roman "Das Geld spricht" keinen Platz auf der Longlist wert.

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Autor Ernst-Wilhelm Händler ist Unternehmer und Schriftsteller. Er gilt als Kenner des Wirtschaftslebens.

Die Grundstruktur der Geschichte trägt fast märchenhafte Züge. Nach dem Motto: Welchem der drei Bewerber soll der alte König seine Tochter anvertrauen? Dabei geht es nicht um eine geliebte Tochter, sondern ums liebe Geld: eine halbe Milliarde, 500 Millionen Euro, die ein Unternehmer in Zeiten von niedrigen Zinsen gewinnbringend anlegen möchte. Ernst-Wilhelm Händler weist seinen Figuren gern stereotype Bezeichnungen zu. Der Banker und der Gründer kennen sich, denn vor einigen Jahren war der heute erfolgreiche Firmengründer noch als Bittsteller in die Bank gekommen. An seine Biotechnik-Idee der Datenspeicherung in DNA-Molekülen hatte damals niemand geglaubt. Inzwischen hat sich das Kräfteverhältnis deutlich verändert:

"Der Banker ist davon ausgegangen, dass der Gründer mit dem Vorsatz kommen würde, sich an ihm zu rächen, ihn zu quälen. Aber jetzt fühlt er, der Gründer hat noch einen anderen Beweggrund: Er will etwas über sich selbst erfahren. Sich über sich selbst klarwerden. Der Banker denkt, dass das schlimmer Kitsch ist, aber dass er vielleicht von dem Kitsch profitieren kann." Leseprobe

Das Geld spricht im Roman selbst

Schnell wird deutlich: Der Umgang mit Geld hat ganz viel mit Gefühlen zu tun. Mit Neid, Missgunst und Hass, aber auch mit dem Wunsch nach Anerkennung und Liebe. Das weiß auch das Geld, das Händler jeweils in Passagen, die in Großbuchstaben gesetzt sind, selbst sprechen lässt.

"HABE ICH ETWAS MIT ZUFRIEDENHEIT UND UNZUFRIEDENHEIT, MIT GLÜCK UND UNGLÜCK ZU TUN? NATÜRLICH. DURCH MICH HABEN DIE LEUTE WAHLMÖGLICHKEITEN, DIE SIE SONST NICHT HÄTTEN: ABER ICH BRINGE DIE LEUTE AUCH DAZU; BILANZ ZU ZIEHEN, IHR LEBEN ZU BEURTEILEN." Leseprobe

Wer soll die halbe Milliarde vermehren?

Der Unternehmer muss sich entscheiden, wer sein Vermögen vermehren soll. Der Banker, mit dem er eine alte Rechnung offen hat und der seinerseits eine recht ungeklärte Beziehung mit einer Frau führt, die meist nur als seine Freundin bezeichnet wird? Oder die etwas überkandidelte Fondsmanagerin aus Düsseldorf namens Banana Clip?

"Sie kann keine Langeweile ertragen, das ist Stillstand. Tod. Sie hasst Sonntage. Banana Clip war ihrer Zeit voraus, immer zu früh. Sie ist eine aufgekratzte Unterhalterin, sie erzählt Witze ohne Pointe, was halten die Leute aus, wann fangen sie an zu meutern? Sie verkündet, sie sei intelligent, weil sie die Fähigkeit habe, entgegengesetzte Ideen gleichzeitig im Kopf zu haben, und trotzdem zu funktionieren." Leseprobe

Oder soll der "Nano-Mann" die Verantwortung für die halbe Milliarde übernehmen? Er wird so genannt, weil er als High-Frequency-Trader in New York bei einem Hedgefonds Karriere als Front Runner gemacht hat. Wenn er erklärt, worin diese Tätigkeit genau besteht, klingt aus Händler wieder ganz der Fachmann:

"Bei einer größeren Verkaufsorder für eine Aktie oder ein Rentenpapier bietet der Front Runner einen schlechteren Preis für das Papier, kauft und verkauft es innerhalb von Millisekunden an einen anderen Marktteilnehmer, der einen nicht ganz so schlechten Preis bietet. Der Front Runner läuft der Orderausführung voraus und verschlechtert den Preis für den Verkäufer, der Verlust des Verkäufers ist der Gewinn des Front Runners." Leseprobe

Branche generiert einen besonderen Menschentypus

Ganz ohne Glossar lässt Händler den Leser los auf eine Welt, in der Risk-Parity-Prinzipien, Hyperinflation und Contrarian-Strategie herrschen. Vieles erschließt sich im Erzählfluss, doch irgendwie wird man das Gefühl nicht los: Geldhandel generiert einen ganz besonderen, gleichermaßen hysterischen wie abgebrühten Menschentypus. "Das Geld spricht" bietet ein intensives Kennenlernen der fast alles regierenden Finanzwelt. Ihre Akteure bleiben jedoch - besonders in den Dialogen - eigentümlich fremd, was die Geschichte ein wenig konstruiert wirken lässt. Ein Effekt, der von einem begeisterten Luhmann-Anhänger wie Händler sicher gewollt ist. Aber süffige Lektüre ist das eben nicht.

Das Geld spricht

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3103974515
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.08.2019 | 12:40 Uhr

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