Dagmar Fohl: "Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"

"Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"

Stand: 24.11.2020 09:52 Uhr

Oskar Schindler, der Unternehmer, der Tausenden seiner jüdischen Angestellten das Leben rettete, war großartig, aber - zum Glück - nicht einzigartig.

von Jürgen Deppe

Im französischen Bordeaux rettete Ende der 1930er-Jahre ein portugiesischer Konsul zehntausenden Flüchtlingen aus ganz Europa das Leben. Ihn würdigt die Hamburger Schriftstellerin Dagmar Fohl jetzt mit der Romanbiografie "Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt".

"Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt" - so steht es auf dem Grabstein von Aristides de Sousa Mendes, gestorben am 3. April 1954 in Lissabon. Da war der frühere Konsul in Diensten Salazars - des Diktators Salazar - schon jahrelang von seinem früheren Herrn verstoßen, mit der Zeit vereinsamt, am Ende verarmt. Kurz vor seinem Tod - so fiktionalisiert es Dagmar Fohl jetzt - zieht er Bilanz:

Alles sitzt als Dorn in meinem Gedächtnis. Ich muss festhalten, was ich erlebt habe, da es sonst in Vergessenheit geraten würde, weil das, was ich tat, was den Menschen, was mir und meiner Familie widerfuhr, für immer ausgelöscht werden soll. Leseprobe

Der stille Lebensretter

Bei dem, was er tat und was Dagmar Fohl ins Zentrum ihrer aus seiner Sicht verfassten Romanbiografie stellt, ist Sousa Mendes Ende der 1930er-Jahre portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux. Am westlichen Rande des Kontinents, wohin nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende aus ganz Europa vor Nationalsozialisten und Wehrmachtssoldaten fliehen. Darauf hoffend, via Spanien und Portugal über den Atlantik den Mördern zu entkommen.

Portugals Diktator Salazar aber will keine Flüchtlinge in seinem Land und verweigert die nötigen Visa, was Generalkonsul Sousa Mendes in Bordeaux in schwere Gewissenskonflikte stürzt. Er ringt mit sich, tagelang. Er hört die Geflüchteten unten vor dem Fenster, er sieht sie auf der Straße warten.

Ich stand mir selbst gegenüber, Auge in Auge. Wer bin ich denn, wenn ich nicht helfe, fragte ich mich plötzlich. Ein Unmensch, ein herzloser Christusanbeter, ein Heuchler vor dem Herrn. Was wäre, wenn meine Familie fliehen müsste und niemand käme ihr zu Hilfe? Leseprobe

Nach drei Tagen zähen Ringens mit sich selbst, in denen er um Jahre altert, trifft Mendes die Schicksalsentscheidung zu helfen. Er beginnt, Visa für die Geflüchteten auszustellen, eins um das andere, immer schneller, immer mehr, blindlings, bald rauschhaft, hundertfach, tausendfach.

Ich wollte keine einzige Minute mehr verschwenden. Ich unterschrieb Pässe, Pässe, Pässe. Mein Sekretär setzte die Stempel, nicht ohne immer wieder darauf hinzuweisen, in welche Gefahr ich mich durch mein Handeln begäbe. Leseprobe

Dass er sein eigenes Leben und das seiner hoch angesehenen, aristokratischen Großfamilie ruiniert, vergisst oder verdrängt er in diesen Tagen, in denen der gläubige Katholik nach Schätzungen bis zu 30.000 Menschen aller Religionen das Leben rettet. Ihn selbst kostet das seinen Posten, sein Ansehen, sein Vermögen. Er wird seines Amtes enthoben, seine ganze Familie kaltgestellt. Er verarmt, wird verbittert.

"Ich hätte mir niemals vorstellen können, mit meinen letzten Möbeln heizen zu müssen. Inzwischen verbrennen wir die Holzvertäfelungen und die Türrahmen. Andrée wirft sie ins Feuer, ich habe keine Kraft mehr dazu. Draußen wehen eisige Winde." Leseprobe

Der bigotte "Christusanbeter"

So weit die Heldengeschichte von Sousa Mendes, der Dagmar Fohls Hauptaugenmerk gilt. Dass der streng gläubige Katholik und zwölffache Familienvater parallel eine junge Geliebte und ein außereheliches Kind hatte, was er seiner Frau zeitlebens verschwieg, bleibt Randerscheinung. Auch dass der durchaus selbstgefällige Aristokrat bedenkenloser Anhänger des Diktators Salazar war, bis der ihn fallen ließ, und dass Sousa Mendes den Machthaber und seine Gefolgschaft danach jahrelang um Rehabilitation anflehte, findet in Fohls Romanbiografie zwar Erwähnung. Es tritt in ihrer Wahrnehmung aber hinter die unbestreitbaren Heldenwochen in Bordeaux zurück.

Die Autorin sagt: "Es ist ja mein Sousa Mendes, wie ich ihn sehe, und wie ich es herausgelesen habe zwischen den Zeilen. Das darf man nicht verwechseln mit einer Sachbiografie, sondern ich habe eine Romanbiografie geschrieben, und habe den Mann so in Szene gesetzt, wie ich ihn gefühlt habe."

So wird daraus die Romanbiografie eines persönlich gescheiterten, weitgehend vergessenen Helden. Etwas mehr kritische Distanz hätte ihr gutgetan.

Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt

von Dagmar Fohl
Seitenzahl:
220 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Gmeiner
Bestellnummer:
978-3-8392-2771-8
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.11.2020 | 12:40 Uhr

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