Stand: 17.08.2017 14:21 Uhr

Eine unterirdische Eisenbahn in die Freiheit

von Jan Ehlert

Dieses Buch ist eine absolute Erfolgsgeschichte: "Underground Railroad" von Colson Whitehead gewann den National Book Award in den USA, Oprah Winfrey und Barack Obama bezeichneten es als eines der besten Bücher, die sie je gelesen hätten - und in diesem Jahr erhielt Whitehead für seinen Roman auch den Pulitzer Preis.

Colson Whitehead: "Underground Railroad" © Hanser Verlag
Colson Whitehead wurde 1969 in New York geboren. Nach seinem Studium an der Harvard University, arbeitete er u.a. für die New York Times.

Ihr ganzes bisher siebzehnjähriges Leben hat Cora auf der Plantage der Randalls verbracht. Als Sklavin, jeden Tag der Willkür von Schlägen, Auspeitschungen und Vergewaltigungen ausgesetzt. Doch eines Nachts hält sie es nicht mehr aus und wagt die Flucht. Erst durch Sumpf und Wälder, aber dann - es kommt ihr wie ein Wunder vor - mit einer unterirdischen Eisenbahn.

 

"Die Treppe führte auf einen kleinen Bahnsteig. Zu beiden Seiten öffneten sich die schwarzen Mündungen des riesigen Tunnels. Er musste an die sieben Meter hoch sein, die Wände waren in wechselndem Muster mit dunklen und hellen Steinen verkleidet. [...] Zwei Stahlschienen, mit Holzschwellen am Boden fixiert, liefen durch den sichtbaren Teil des Tunnels. Vermutlich verlief der Stahl von Süden nach Norden, ging von irgendeinem unvorstellbaren Ursprung aus und schoss irgendeiner wundersamen Endstation entgegen." Leseprobe

Ein fiktiver Begriff wird real

Dieses unterirdische Schienennetz ist natürlich eine Fiktion. Dennoch hat es sie wirklich gegeben, die "Underground Railroad".

Es ist der Name eines geheimen Netzwerks, das Sklaven aus den Südstaaten in den freien Norden und bis nach Kanada schleuste und sich dabei der Codewörter aus der Welt der Eisenbahn bediente. Sichere Unterkünfte waren Stationen, Menschen, die unter lebensgefährlichen Bedingungen entlaufene Sklaven unterstützten, wurden Schaffner genannt. Dieses Bild habe ihn fasziniert, erzählt Colson Whitehead in der Oprah Winfrey Show: "Ich glaube, viele Menschen, die als Kinder zum ersten Mal von der Underground Railroad hören, glauben für ein paar Minuten, dass es sich tatsächlich um eine unterirdische Eisenbahn handelt. Und so kam mir der Gedanke: Wie wäre es, wenn es dieses Schienennetz tatsächlich gegeben hätte?", so Whitehead.

Reise durch ein zerrissenes Land

Mit diesem erzählerischen Kniff gelingt es Whitehead, seine Heldin Cora auf eine Reise durch das ganze Land zu schicken - ein zerrissenes Land kurz vor dem Bürgerkrieg, in dem die Frage, wie man mit Sklaven umgehen soll, ganz unterschiedlich behandelt wird. "Jedes Mal, wenn sie an einer Station aussteigt und aus dem Untergrund auftaucht, findet sie ein alternatives Amerika. Verschiedene Möglichkeiten des Zusammenlebens.", erklärt der Autor.

So kommt Cora durch South Carolina, wo Schwarze auf den ersten Blick als freie Bürger leben können, von den Weißen jedoch für grausame medizinische Experimente benutzt werden. Nach Indiana, wo sie auf einer Farm zeitweise Frieden und Freundschaft findet, aber auch nach North Carolina, wo die Bewohner beschlossen haben, aus Angst vor der zahlenmäßigen Übermacht der ehemaligen Sklaven alle Schwarzen zu töten.

"Die Leichen hingen wie verrottender Schmuck in den Bäumen. Manche waren nackt, andere teilweise bekleidet. [...] Schwere Wunden und Verletzungen entstellten die Körper derer, die ihr am nächsten waren, der beiden, die von der Laterne des Stationsvorstehers erfasst wurden. [...] In was für einer Hölle hatte der Zug sie abgesetzt?" Leseprobe

Wenn die unterirdische Eisenbahn nicht wäre, müsste man das Buch düster nennen.

Amerikas düstere Geschichtsabschnitt

Viele Protagonisten sterben auf grausame Art und Weise, die der Autor ungeschönt schildert. Das ist manchmal schwer zu ertragen - doch die Geschichte der Sklaverei in den USA ist eine düstere, grausame Geschichte. Umso wichtiger ist es, dass sie erzählt wird. Denn auch wenn die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde: Der Rassismus - das zeigen die traurigen Ereignisse in Ferguson oder zuletzt Charlottesville - ist in einigen Teilen des Landes immer noch gegenwärtig.

Underground Railroad

von Colson Whitehead, Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Carl Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-25655-2
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.08.2017 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

In der Zeitung ist ein polemischer Artikel über Brockmöller (Charles Brauer, links) erschienen; es geht um seine Beziehung zu einer angeblich von Harry Mucher erschossenen Polizistin, mit der Brockmöller befreundet war. Zusammen mit Stoever (Manfred Krug, rechts) fragt der verärgerte Brockmöller sich, woher die Presse so detaillierte Informationen hat, ohne je mit ihm gesprochen zu haben? © NDR/Studio Hamburg

Tatort-Jubiläum: Mord ist bei Stoever und Brockmöller Nebensache

Die Schauspieler Manfred Krug und Charles Brauer waren im Film Partner und Freunde - die Freundschaft hielt auch danach. mehr

Charlie Parker © picture alliance akg-images Foto: picture alliance akg-images

Heute im Livestream: "Bird@100" - Hommage an Charlie Parker

Anlässlich des 100. Geburtstags von Charlie Parker spielt die NDR Bigband eine Hommage - ohne Publikum, im Livestream, heute, 21 Uhr. mehr

Lutz Krajenski sitzt an der Hammond-Orgel © NDR.de Foto: Claudius Hinzmann

Lutz Krajenski im Solokonzert

Lutz Krajenski ist aus der norddeutschen Musikszene nicht wegzudenken. Für uns spielt der Hannoveraner ab 13 Uhr ein Solokonzert. mehr

Aeroslo bei Bläsern © Bayerischer Rundfunk

Studie: Blasinstrumente stoßen Aerosole unterschiedlich aus

Wie breiten sich Aerosole bei Blasinstrumenten aus? Eine neue Studie aus München bringt überraschende Erkenntnisse. mehr