Stand: 12.06.2019 10:00 Uhr

Ein schlimmer Ort für schwarze Jugendliche

Die Nickel Boys
von Colson Whitehead, aus dem Englischen von Henning Ahrens
Vorgestellt von Bianca Schwarz

Bei uns ist man vor drei Jahren erst so richtig aufmerksam geworden auf den US-Autor Colson Whitehead. Da hat er den Roman "Underground Railroad" veröffentlicht über das gleichnamige Netzwerk, das im 19. Jahrhundert schwarzen Sklaven im Süden der USA zur Flucht in den Norden verholfen hat. Das Buch wurde mit dem National Book Award und dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, aber es war bei Weitem nicht das Debüt von Whithehead.

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Der Autor schreibt über die "Nickel Boys", so heißen im Roman die Insassen einer sogenannten Besserungsanstalt in Florida.

Er gilt als einer der wandelbarsten und kraftvollsten Autoren der amerikanischen Gegenwart, überrascht gerne mit seiner Themenauswahl von Zombies bis Pokerturnier. Aber das neue Buch von Colson Whitehead dreht sich wie auch "Underground Railroad" wieder um Rassismus, um eine reale Geschichte in Fiktion verpackt: "Die Nickel Boys".

Grausamer Rassismus in der heutigen Zeit

Diesmal geht es nicht um den historischen Rassismus, den Colson Whitehead in "Underground Railroad" ausgeleuchtet hat. Diesmal geht es um den Rassismus der letzten Jahrzehnte, um eine wahre Begebenheit, die erst vor Kurzem aufgedeckt wurde, deren Zeitzeugen teils noch leben und die so grausam ist, dass Whiteheads Lektüre immer wieder stocken lässt. "Nickel Boys" heißen im Roman die Insassen einer sogenannten Besserungsanstalt in Florida. Der Name ist fiktiv, in der Realität hieß die Anstalt Florida School For Boys, erst 2011 hat man sie geschlossen.

Kurz darauf wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass die minderjährigen Jungen dort systematisch gefoltert, teils sogar getötet wurden. In der Region ein offenes Geheimnis. Man entdeckte einen geheimen Friedhof mit über 40 heimlich verscharrten Leichen.

"Jeder Junge kannte diesen schlimmen Ort, aber es musste erst eine Studentin der University of Tampa kommen, um den Rest der Welt darauf hinzuweisen, Jahrzehnte nachdem man den ersten Jungen in einen Kartoffelsack verschnürt und in einer Grube versenkt hatte." Leseprobe

Das ist der reale Rahmen von Colson Whiteheads neuem Buch, er erklärt ihn im Prolog. Aus dem Stoff formt er einen Roman um einen Protagonisten, bei dem man sofort einen Beschützerinstinkt entwickelt.

Roman nach wahren Begebenheiten

Elwood Curtis heißt er, ein Junge, der in den 60ern bei seiner Großmutter aufwächst. Sie erzieht ihn streng, aber liebevoll. Elwood ist wissbegierig, liest gern, hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, bekommt ausgezeichnete Noten in der Schule, verehrt Martin Luther King. Sein Blick auf die Welt ist ein bisschen großäugig-gutgläubig. Die Rassentrennung ist zwar offiziell Geschichte, aber in den Köpfen noch lange nicht vorbei.

"Am ersten Tag des Schuljahres bekamen die Schüler der Lincoln High School die gebrauchten Lehrbücher der weißen Schule gegenüber. Die weißen Schüler wussten natürlich, an wen ihre Bücher gingen, und hatten Botschaften an die nächsten Besitzer hineingekritzelt: Krepier, Nigger! Du stinkst. Friss Scheiße." Leseprobe

Doch selbst damit geht Elwood entspannt um, nicht alle Weißen sind Rassisten, das ist ihm klar. Unter normalen Umständen würde er niemals in einer Besserungsanstalt landen, wäre er nicht als schwarzer Junge zur falschen Zeit am falschen Ort. Am Tag seines High-School-Abschlusses trampt er von der Schule nach Hause und steigt ausgerechnet in einen gestohlenen Wagen ein. Nur für wenige Minuten, er kennt den Fahrer und Autodieb gar nicht. Aber das glaubt ihm bei einer Polizeikontrolle selbstverständlich niemand. Sein Urteil: Er wird ein Nickel Boy. Im ersten Moment findet er es in der Anstalt gar nicht so schlecht.

"Er hatte hohe Steinmauern und Stacheldraht erwartet, aber es gab keine Mauern. Das penibel gepflegte Anstaltsgelände war ein üppiger grüner Garten. Elwood hatte noch nie so ein schönes Anwesen gesehen, eine richtige Schule, eine gute, nicht die entsetzliche Besserungsanstalt, die er sich während der letzten Wochen ausgemalt hatte." Leseprobe

Hinter den Mauern des schönen Anwesens wird gefoltert

Doch nachts passieren hier fürchterliche Dinge: Der winzigste Verstoß reicht, um von den Aufsehern ins sogenannte White House geschleppt und mit Black Beauty gefoltert zu werden, einem meterlangen eingeritzten Riemen, mit dem so lange auf die Jungen eingedroschen wird, bis sie ohnmächtig werden - oder Schlimmeres. Viele kehren nach einer Begegnung mit Black Beauty nie wieder zurück. Elwood Curtis gehört nicht dazu, er kann fliehen. Aber wie weit?

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Trotz unsentimentaler Sprache erschafft der Text Empörung

Colson Whitehead schreibt diesen Roman in einer präzisen, nüchternen Sprache und das macht ihn nur würdevoller. Durch die sprachliche Distanz gestaltet er bewusst weder Empörung noch Sentimentalität, aber sie entstehen automatisch. Diesen Roman zu lesen tut weh: Der Leser hat einen grausamen Wissensvorsprung im Vergleich zu Elwood, der den Horror erst nach und nach begreift. Als Leser wissen wir es ab dem ersten Satz: "Sogar als Tote machten die Jungs noch Ärger."

Die Realität hat Colson Whitehead in diesem Fall sogar überholt: Erst im April 2019 sind weitere 27 mutmaßliche Gräber auf dem ehemaligen Schulgelände entdeckt worden. Niemand kann sagen, ob das tatsächlich die letzten gewesen sind.

Die Nickel Boys

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26276-8
Preis:
23,00 €

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