Stand: 26.10.2018 17:00 Uhr  | Archiv

"Colorama": Heile Welt im Großformat

von Benedikt Scheper

Heutzutage sind gestochen scharfe Farbfotos alltäglich geworden. In den 1940er- und 50er-Jahren war die Farbfotografie jedoch noch ungewöhnlich. Da in dieser Zeit der Umsatz von Farbfilmen des Unternehmens Kodak lediglich zwei Prozent betrug, entwickelte der Marktriese das sogenannte Colorama. Ein 5,5 mal 18 Meter großes, von hinten beleuchtetes Foto. So sollte das Bild die Brillanz und Qualität des Farbfilms bewerben - alle paar Wochen wechselnd in der New Yorker Grand Central Station. Ein Bildband zeigt nun die dort zwischen 1950 und 1990 präsentierten Bilder.

Pure Lebensfreude und glückliche Familie

Vier junge Athleten gleiten parallel auf bananengelben Skiern durch das Wasser. Das Lächeln der beiden Paare - perlenweiß wie die wild schäumende Gischt unter ihren Kufen. Die muskulösen Männer tragen knallrote und türkis-grün-weiße Badeshorts und sind ebenso braungebrannt wie ihre beide Begleiterinnen. Alle blicken freudig erregt und selbstbewusst Richtung Kamera. Das Quartett scheint den Betrachter quasi direkt anzulächeln, zu rufen, "we have so much fun". Das Bild wirkt, als hätte es die pure Lebensfreude gebündelt, die perfekte Harmonie einer perfekten Welt. Hier ist alles schön - schaurig schön. Denn Aufnahmen wie diese sind vollständig inszeniert und propagieren das Schönheitsideal der US-Gesellschaft der 40er- und 50er-Jahre.

Fast ausschließlich präsentieren die Fotos die weiße stereotypische Mittelschichtsfamilie. Der Vater als Oberhaupt sitzt bequem auf einem moosgrünen Chesterfield-Sessel in einem holzgetäfelten Wohnzimmer, das an ein Bergchalet erinnert. Auf der Ottomane ruhen seine Beine, an denen die buschigen Pfoten eines langhaarigen, grauweißen Hundes lehnen, sowie die obligatorischen zwei Kinder mit hellem Schopf. Alle Blicke richten sich auf den Ernährer, während die ebenfalls blonde Mutter lächelnd vor dem knisternden Kaminfeuer kniet, um das idealisierte Idyll abzulichten. Denn vor allem darum ging es bei den Coloramas: Die Aufnahmen sollten als Schnappschüsse und damit als wiederholbar für Hobbyfotografen wirken. Und das, obwohl nahezu alle Fotos in Wahrheit aufwendig geplant und geradezu durchkomponiert wurden.

Anreiz für eigene Farbfotos

So taucht ein sportlich-dynamisches Paar natürlich an einem ganzen Schwarm tropischer Fische vorbei. Ihre gesamte bunte Umgebung erscheint wie die Unterwasserwelt aus Luxus-Urlaubswerbung.

Allerdings macht der Band auch Ausnahmen. Atemberaubend schöne Landschaftsaufnahmen zeigen ab den 70er-Jahren exotische Motive wie einen einsamen Hundeschlitten-Führer im unendlichen Weiß Alaskas. Diese Bilder sollten die Reisetauglichkeit des Films unterstreichen. Kunden sollten Sehnsucht nach solchen Reisen und Fotos bekommen.

Interessanter als die immer gleichen Bilder einer heilen Welt der 60er- und 70er-Jahre erscheinen die technischen Hintergründe der riesigen Bildwände. Zeitweise galten sie als "größte Fotografien der Welt".

"Weil die Schalterhalle für Projektionen (...) zu hell war, entstand die Idee, Farbdias zu vergrößern und von hinten zu beleuchten. Dieses Konzept war so neu, dass die für das Fotografieren, Entwickeln, Vergrößern und Ausstellen der gewaltigen Coloramas notwendige Technik eigens für die Werbekampagne entwickelt wurde."

Kodak entwickelt spezielle Techniken

Das Vorwort erklärt das aufwendige Verfahren - wie mit Großformatkameras und Spezialfilmen für 50-fache Vergrößerungen die Bilder produziert wurden.

"Ein unfertiger Swimming-Pool im Kodak-Erholungszentrum für Mitarbeiter wurde (anfangs) genutzt, um die großen Abzüge über Nacht zu trocknen."

Der Band erhellt ein spannendes Stück Fotografie-Geschichte, auch wenn die Bilder selbst künstlich wirken, teilweise grotesk idealisiert. Doch genau diese Form der Inszenierung findet sich bis heute auch in der zeitgenössischen Werbung, vor allem in den großen Modekampagnen - jetzt allerdings auch mit Menschen anderer Hautfarbe und Herkunft. Mit dem Buch kann man somit auch Motive von früher mit heutigen Werbefotografien vergleichen - und findet teilweise auch schlicht schöne Bilder.

Nachdem die Coloramas abgeschafft wurden, vernichteten die Mitarbeiter sie übrigens. Lediglich die für die Herstellung notwendigen Originalmaterialien lagern heute im George Eastman Museum in Rochester, New York.

Colorama

von George Eastman Museum (Hg.)
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hardcover 30 x 23,5 cm, 208 Seiten inkl. 4 Altarfalze, 83 Farbfotografien, mit Texten auf Deutsch, Englisch und Französisch, Gewicht 1,636 kg
Verlag:
teNeues
Bestellnummer:
978-3-96171-052-2
Preis:
50,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 28.10.2018 | 17:40 Uhr

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