Rye Curtis: "Cloris" (Cover) © C.H. Beck Verlag

"Cloris": Rye Curtis über das Überleben in der Wildnis

Stand: 28.09.2020 13:19 Uhr

Rye Curtis aus Amarillo, Texas, hat mit "Cloris" einen erstaunlichen Debütroman geschrieben. Der 33-Jährige erzählt vom Abenteuer des Überlebens, lotet Familiengeschichten und Schicksale aus und steigt dabei enorm tief in das Nachdenken über Gott und die Welt ein.

von Annemarie Stoltenberg

Als einzige überlebt die 72-jährige Cloris Waldrip einen Flugabsturz. Aus den Wäldern der Bitterroot Mountains im Norden der USA kämpft sie sich zurück in die Zivilisation. Ein Abenteuer, das mehrere Wochen dauern wird. Die zweite Hauptfigur ist Rangerin Lewis, die den Suchtrupp leitet und als einzige noch glaubt, dass es da in der Wildnis Überlebende gibt. Sie trinkt unentwegt Rotwein, mit Vorliebe Merlot.

Wenn man die Information - "Lewis trank einen Schluck Merlot" - in allen Variationen aus dem Roman streichen würde, wäre er etwa 50 Seiten kürzer. Aber das schwächt nicht das Lesevergnügen und Lewis ist eine derart trainierte Alkoholikerin, dass sie mit mehreren Promille im Blut überhaupt erst auf Betriebstemperatur kommt. Sie ist witzig, scharfzüngig, etwas zynisch, schwer gekränkt und verletzlich. Das berühmte Modell: raue Schale.

"Cloris": Eine Frau mit starkem Überlebenswillen

Cloris ist unglaublich. Eine Frau mit einem bisher unauffälligen Lebenswandel, Ehefrau, kinderlos und von unerschütterlichem Überlebenswillen angetrieben. Sie legt in einem Bericht fest, was sie im Wald an merkwürdigen, fürchterlichen Ereignissen erlebt hat. Dem toten Piloten zieht sie seine warme, gefütterte Jacke ab und nimmt alles mit, was essbar und trinkbar ist, Werkzeug, überhaupt alles, was brauchbar scheint. Mr. Waldrip, wie sie ihren Ehemann beharrlich nennt, hängt tot in einer Baumkrone, als sie sich unerschrocken auf den Weg macht. 

Ich habe mich selbst stets für eine gut erzogene Texanerin gehalten, aber ich nehme an, selbst die Besten von uns haben Stuhlgang. Meine Generation schämt sich dafür sehr, warum genau das so ist, weiß ich auch nicht. Leseprobe

Am Fluss, zu dem sie nach Tagen gelangt, begegnet Cloris, als sie schon glaubt, jetzt habe sie keine Chance mehr, einem Mann, der sich in den Wäldern versteckt. Sein Gesicht verbirgt er hinter einer Maske. Er hat mehr Überlebenstraining als Cloris und hilft ihr in selbstloser Nächstenliebe mehrfach weiter.

Rangerin Lewis findet einen Zeugen, der weit entfernt in den Bergen eine Rauchfahne gesehen haben will und schart noch einmal ihre Truppe um sich.

Rye Curtis detaillierte Beschreibungen erzeugen Glaubwürdigkeit

In Büchern, in denen es um Natur geht, wird meist nie die Natur beschrieben, die man sieht, wenn man unterwegs ist. Schön, aber mit oft sichtbar kranken Bäumen und geplagten Tieren. Müll, der in wirklich jedem Winkel, auf jedem noch so abgelegenen Strand oder Berg liegt.

Rye Curtis beschreibt dies. Bei ihm gibt es Weggeworfenes, verhaltensgestörte Wildtiere und Details, die immer wieder verblüffende Glaubwürdigkeit erzeugen. Aber die Stimmung des Textes versinkt eben nicht darin, es sind Details, neben seltsamen, urkomischen Dingen - wie im echten Leben. So streift man ein paar Tage begeistert durch diesen von Cornelius Hartz großartig übersetzten Text.

Cloris

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-75535-4
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

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