Stand: 22.09.2017 13:00 Uhr

Alpträume in skurrilen Bildern

Andere Häfen
von Christopher Ecker
Vorgestellt von Andrea Ring
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Christopher Ecker, 1967 in Saarbrücken geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Saarbrücken und Kiel.

Am Dienstagabend, den 26. September, stellt der Kieler Schriftsteller Christopher Ecker im Literaturhaus Schleswig-Holstein sein neues Buch vor. "Andere Häfen" heißt der schmale Band des Hebbel-Preisträgers mit Erzählungen. 87 Texte auf 240 Seiten.

Grotesken des Alltags

Eckers Erzählband holt seine Leser im vertrauten Alltag ab. Wasserkocher kontrollieren, Herd aus, Tür zu, Aufbruch zu anderen Häfen. Doch der Zug ins Manische verrät, dass es hinter der Oberfläche gärt. Sogleich eskaliert eine Wohnungsabnahme ins Groteske. Namenlose Herren überrennen die Mieter. Hinter der 3-Zimmerwohnung öffnet sich unvermittelt ein Saal mit Stuckdecke. Das Motiv der unheimlichen Nebenräume aus anderen Zeiten oder Treppen mit seltsamen Ausgängen wiederholt Christopher Ecker in immer neuen Variationen:

"Ja, das sieht so aus", sagt Ecker, "aber letztendlich geht es um unterschiedliche Räume und ich spiele verschiedene Räume durch und letztendlich, wenn man's ganz platt sagt, ist jeder Raum, der sich irgendwo auftut, eine Metapher für das Unbewusste, für Dinge, die sich einem offenbaren. Die am Grund der Seele schlummern."

Ein Schlummer mit Alpträumen. Eckers manchmal extrem kurze Geschichten wecken Urängste. Lebende Tote, Doppelgänger, geheime Organisationen, die uns kontrollieren. Er hat jedoch herrlich skurrile Bilder dafür. Eine Familie kann ihre Wohnung nicht mehr betreten, weil eine dichte Masse sie füllt. Etwas weicher als ein Marshmallow. "Ich glaube, das ist sehr unangenehm, wenn man in sein eigenes Ich nicht mehr eindringen kann", vermutet der Autor.

Die eigene Identität wird unheimlich

Wenn man es denn metaphorisch deuten will. Das Unheimlichste ist für Eckers Figuren die eigene Identität, derer sie nie sicher sind. Das Ich ist in seinen Geschichten buchstäblich ein Anderer. Manchmal auch eine mystische Stelle im Rasen. Scharf beobachtet Ecker Lähmung und Paranoia, und plötzlich stürzt er den Leser gut gelaunt in eine Überkopfwelt. Achtung, alle festhalten! Er habe sich überlegt, grinst er, was passiert, wenn alles auf dem Kopf steht: "Wenn plötzlich der Zimmerboden zur Decke wird. Der Ton der Geschichte ist sehr albern, weil es letztlich ein ganz albernes Sujet ist. Wie verhalten sich die Leute, die natürlich sich an Büschen festhalten müssen, um nicht in den Himmel zu fallen."

Es ist auch eine philosophische Perspektive. Monty Python könnten daraus einen Trickfilm drehen. Ein Junge antwortet auf die Frage, was er werden will: Ein Schiff. "Er wird wirklich am Schluss zu einem Schiff", sagt Ecker. "Das ist, glaube ich die einzige Geschichte mit einem echten Happy End hier in dem Buch." Denn eigentlich glaubt Christopher Ecker nicht an Geschichten und lässt seine Ich-Erzähler unentwegt daran scheitern. Indem sie über das Konzept gar nicht hinauskommen: "Oder indem ich beschreibe, wie jemand einen Text schreiben will und immer wieder in den Text hineinrutscht."

Geschichten mit dadaistischen Elementen

Dort ist er vielleicht ein kleines Tier. "Alles ist erzählt", sagt der Marder. "Wartet auf das Hermelin!" fordert die dadaistische Überschrift den Leser auf. Ecker will die Welt nicht erklären: "Ich glaube, dass wir der Wirklichkeit doch ohnmächtig oder ratend gegenüber stehen."

Das größte Rätsel ist der Abgrund dessen, wozu Menschen fähig sind. Ecker malt Horror- und Gewaltfantasien gelegentlich aus, mal deutet er nur an. Zwei Kätzchen überleben ihre Geschichte nicht. Das zeige, meint Ecker, eine menschliche Grundeigenschaft: "Nämlich diese Bösesein oder dieses Ungerechtsein zu Schwächeren und Hilflosen. Wir haben hier den Aspekt der absoluten Niedlichkeit mit der wirklich unbarmherzigen Gewalt."

Dem setzen die Erzählungen immer wieder die vollkommene Absurdität entgegen: "Es gibt eine Geschichte, wo eine Person über etwas spricht, was es nicht gibt, das Fagaröm heißt, und die Person hat große Probleme damit." Denn das Fagaröm ist das einzige Ding an sich, das so ist, wie man es wahrnimmt. Aber eigentlich ist das Eckers Sache nicht.

Selbst Kappeln an der Schlei ist bei ihm nicht, was es scheint, sondern ein Symbol für das antike Jenseits am Styx: "Kappeln bot sich an, weil hier von der Klappbrücke bis zur Lotseninsel eigentlich sehr viele Sachen waren, die man symbolisch aufladen konnte."

Aber auch, wenn alte Götter und kleine Märchen auftreten und Ecker die fantastische Logik oft stark strapaziert, ist seine Sprache dabei prägnant und sachlich und sind die Bilder, die er findet, unheimlich treffend.

Andere Häfen

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Mitteldeutscher Verlag
Bestellnummer:
978-3-95462-915-2
Preis:
16,95 €

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