Stand: 30.06.2017 13:00 Uhr  | Archiv

Erlebte Momente und farbreiche Träume

Souvenir
von Christoph Niemann
Vorgestellt von Mathias Heller

Christoph Niemann ist ein stiller Star - trotzdem ist er auch auf den Covern von "The Wired", dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" oder dem "New York Times Magazin" zu sehen, aber auf eine andere Weise. Seine Mittel sind Stift, Pinsel, Farbe und Papier. Der Illustrator gehört zur ersten Riege der Zeichner in Amerika und Deutschland. Jetzt ist ein Bildband erschienen mit zahlreichen Reiseskizzen der vergangenen Jahre: "Souvenir".

"Zeichnen macht mir in erster Linie Spaß - für mich selber. Aber der Grund, warum ich so viel Zeit damit verbringe, ist, dass es ein wunderbares Kommunikationsmittel ist - zwischen dem Zeichner und den Lesern", schwärmt der Künstler.

Kommunikation mit Pinsel und Farbe

Jede Menge Zeit verbringt Christoph Niemann mit Zeichnen. Auch im Urlaub, auf Reisen, unterwegs. Dann, wenn andere Leute die Seele baumeln lassen, einmal nicht an die Arbeit denken. Niemann aber zeichnet und zeichnet und zeichnet. Die schönsten grafischen Mitbringsel seiner Unternehmungen haben es in das "Souvenir"-Buch geschafft. Wie beispielsweise der Treppenaufgang auf Montmartre, hoch zur Basilika Sacré-Cœur in Paris.

Eigentlich hat man ein sonnendurchflutetes Bild im Kopf, doch Niemann tauscht hell und dunkel. Die Menschen werden zu schwarzen Silhouetten, genauso wie die eigentlich weiße Kirche. Wie auf einem Schwarz-Weiß-Negativ. Anders das Straßenbild in Rio. Die Blautöne scheinen vor Hitze zu flirren. Farbflächen bauen sich eng aneinander und werden nur ab und zu von zarten Linien der Telefondrähte durchzogen. Ganz im Gegenteil zur Außenalster in Hamburg. Luftig leicht schweben die Braun- und Blautöne an diesem scheinbar kalten Tag.

Was einfach aussieht, ist oft ein quälender Prozess

"Die Idee ist eigentlich, gerade bei diesen Landschaftszeichnungen, dass das Bild sich selber erfindet", sagt Niemann. Was einfach klingt, ist in Wahrheit oft ein quälender Prozess, den Christoph Niemann immer wieder selbst erfährt: "Idealerweise fange ich mit einer Grundidee an, Komposition, ein Ausschnitt, ein Winkel, und dann passiert etwas, was ich so nicht vorhersehen kann. Und natürlich malt man einen Baum, eine Landschaft, ein Schiff und denkt, ohhh, das hat jetzt aber gut geklappt - da ist dann natürlich die Idee, das mach ich einfach noch mal, weil es ja so schön funktioniert hat. Und es funktioniert eben nicht."

Beim US-Magazin "The New Yorker" gehört er zu den Stamm-Illustratoren. In der "New York Times" hat er eine regelmäßige Kolumne. Seine Zeichnungen bestechen durch eine große Portion liebevoller Gedanken, die kindliche Weltsicht mit poetischen wie philosophischen Ideen und mit handwerklicher Präzision kombinieren. Gelernt hat Niemann sein Handwerk auf der Stuttgarter Kunsthochschule bei Heinz Edelmann. Seinen Ideen entspringen unterschiedlichsten Situationen, aber immer mit der Freude auf eine unbekannte zeichnerische Reise, an deren Ende irgendetwas Neues entstanden ist.

Das Besondere lässt sich nicht planen

Wenn er unterwegs ist, hat er immer Tusche, Feder, Pinsel und Papier dabei. Denn besondere Momente sind nicht planbar. Wie an einem Tag in New York, an dem die Sonne plötzlich auf einem Hinterhof in Brooklyn durch die Häuser scheint und in Niemann ein besonders vertrautes Gefühl entfacht. Der Blick auf diesen hässlichen, verkommenen Hof wird durch einen riesig wirkenden Maschendrahtzaun mit seinem Rautenmuster geblockt. Grafik pur.

"Die Sache ist, der Zaun muss relativ nass gemalt werden, weil ich es bei der Tusche mag, wenn sich die Aquarellränder sich auch abzeichnen. Und wenn die Tusche einmal trocken wird, geht es nicht", beschreibt Niemann seine Vorgehensweise. "Das heißt, ich habe es mit einer Feder gezeichnet und relativ viel Flüssigkeit. Dass da wirklich schon so eine physische Linie von Tusche drauf saß und wenn es dann trocknet, bildet sich an dem Pigment so ein ganz dünner Rand außen rum. Der dann auch die verschiedenen Adern des Maschendrahts zusammen zu einer Fläche werden lässt."

Erinnerungen an Städte und Landschaften

Das Buch ist eine Souvenir-Tour durch Städte und Landschaften, durch erlebte Momente und farbreiche Träume. "Emotionen des Augenblicks" wie Christoph Niemann sie im Nachwort nennt. Lässt man sich auf die Bilder ein, riecht man die Zeit des Entstehens. Spürt die Mühe oder Leichtigkeit im Schwung der Feder und des Pinsels. Ahnt, warum Bäume plötzlich blau und Schatten rot sind. Jedes Umblättern wird zu einem Erlebnis und öffnet eine Tür in den kreativen Kosmos des Christoph Niemann. 

"Aber im Endeffekt ist es schon dieses ständige Versuchen diesen ganzen Wust im Kopf auf Papier zu bannen, dass muss man einfach hunderttausendmal machen bevor irgendwas Brauchbares dabei herauskommt - und dann wird's auch nicht leichter, es macht vielleicht mehr Spaß."

Souvenir

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit einem Vorwort von Philipp Keel und einem Nachwort von Christoph Niemann. Auch als nummerierte und signierte Vorzugsausgabe mit exklusivem Siebdruck "Baker Beach, 2016" erhältlich (150 Exemplare)
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-2570-2149-3
Preis:
49,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 02.07.2017 | 17:40 Uhr

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