Stand: 09.04.2019 00:01 Uhr

Deutsch-deutsche Begebenheiten von Christoph Hein

Gegenlauschangriff
von Christoph Hein
Vorgestellt von Alexander Solloch

Christoph Hein, einer der wichtigen Zeitzeugen und Chronisten deutsch-deutscher Spannungen und Teilungen, oder zugespitzt mit seinen Worten formuliert: des "letzten deutsch-deutschen Krieges" wurde am 8. April 75 Jahre alt.

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Seine Memoiren wird Hein nicht schreiben, statt dessen gibt es nun diesen Anekdotenband.

Christoph Hein, bekannt und berühmt geworden als Dramatiker und durch Romane wie "Der fremde Freund", "Horns Ende" und "Willenbrock", ist in Leipzig aufgewachsen, lebt seit Langem in Berlin und hat einiges zu erzählen darüber, wie Künstler in DDR gegängelt und bedrängt wurden. Gern läse man eine Autobiografie von ihm, die gibt es aber nicht. Nun immerhin, zu seinem Geburtstag, legt er einen autobiografischen Anekdotenband vor: "Gegenlauschangriff" heißt das Buch.

Gestörte Beziehung zum Regisseur von Donnersmarck

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Christoph Hein verfasste keine Autobiografie, dafür einen autobiografischen Anekdotenband.

Beinahe, so erzählt Hein, den man sich dabei durchaus mit spöttischem Lächeln unter seinem großen Schnurrbart vorstellen darf, beinahe wäre er weltberühmt geworden. "Mein Leben, leicht überarbeitet" heißt diese Geschichte: Florian Henckel von Donnersmarck, der in der Historie irrlichternde Filmemacher, hatte ihn stundenlang über sein schwieriges Leben in der DDR ausgefragt, ehe er ein Drehbuch schrieb.

Als Hein dann aber "Das Leben der anderen" im Kino sah, ärgerte er sich über die allzu simple Darstellung von Tätern und Opfern und forderte von Donnersmarck auf, sich wenigstens nicht mehr auf ihn zu beziehen. Der tat dann eben in der Folge kund, von Wolf Biermanns Geschichte inspiriert worden zu sein. Biermann fand den Film toll, damit war dessen Pathos als quasi dokumentarisch legitimiert. Und Hein?

"Der Film wurde ein Welterfolg. Es ist aussichtslos für mich, meine Lebensgeschichte dagegensetzen zu wollen. Ich werde meine Erinnerungen dem Kino anpassen müssen. Denn wenn auch die Tragödie zur Farce wird und schließlich zur Hanswurstiade, so endet doch alles als Melodram", ärgert sich der Autor.

Mit Anekdoten gegen den großen Kitsch

Wir verstehen: Den Memoirenschreiber Christoph Hein wird es nicht geben, schade. Immerhin ficht er jetzt mit der kleinen Anekdote gegen den großen Kitsch. Manchmal ist er ungenau, manchmal verheddert er sich. So muss er sich jetzt mit dem "Spiegel" darüber streiten, welcher Reporter des Magazins ihn wann genau und wie lange genau und mit welchen Fragen genau behelligt habe. Die Geschichte, die dieser wenig erhellenden Kontroverse zugrunde liegt, hätte sich Hein wohl sparen können.

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Ulrich Mühe spielte die Hauptrolle in Florian Henckel von Donnersmarcks Drama "Das Leben der Anderen".

Klar wird im "Gegenlauschangriff" aber etwas Grundsätzliches: Die DDR-Geschichte ist kein Gruselmärchen zur schaurig-wohligen Unterhaltung. Sie ist komplizierter und aufregender und anspruchsvoller, weil sie jeden drängt, Fragen an sich selbst zu richten. Wie habe ich mich verhalten, wie hätte ich mich verhalten? Verängstigt, trotzig - kämpferisch gar?

Schauspieler Manfred Krug wehrt sich auf besondere Weise

Der "Gegenlauschangriff" ist in Heins Erzählung ein ernster Schabernack von Manfred Krug, der in seiner Wohnung Mikrofone und ein Aufnahmegerät versteckte, um die Staatsfunktionäre auszuspähen; eine schöne Erinnerung daran, dass es dem Bürger anstelle einer voreiligen Kapitulation auch möglich ist, sich zur Wehr zu setzen. Die Kämpfe gegen die Zensur, gegen die Beschränker aller Freiheiten waren längst nicht immer zu gewinnen. Dennoch - Hein hat sich nicht angepasst, Hein hat geschrieben. War das etwa ein Wunder?

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Schauspieler M. Krug verlässt DDR

Stichtag 20. Juni 1977: Der Schauspieler und Sänger Manfred Krug verlässt die DDR.

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"Die Wände, die Schwierigkeiten waren zu heftig, als dass ich darin ein Wunder sehen konnte, weil das immer auch meine Arbeit war, von dieser Mauer, gegen die ich geknallt war, wieder wegzukommen und einen neuen Weg zu suchen. Nein, ich hatte mich mit zwölf Jahren entschieden, dass ich diesen Beruf ergreife, dass ich Schriftsteller werde, und dann habe ich unbeirrbar und mit einem gesunden Maß an Arroganz daran festgehalten. Habe nur aufgepasst, dass ich wegen dieser ganzen Widrigkeiten nicht zum Zyniker werde; das wusste ich, dass das für diesen Beruf kaum tauglich ist", erklärt der Autor.

Dumpfe Bürokraten gab es auf beiden Seiten

Was Hein erzählt, nennt er "Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege". Da haben die DDR-Bürokraten ihre Dumpfheit keineswegs exklusiv. Nach 1989 ließ die Bundesrepublik ihre Beamten in den Osten ausschwärmen; in ihren Koffern war für Intelligenz und Feingefühl leider kein Platz mehr:

Ein von Bonn beauftragter Kommissar für den ordnungsgemäßen Beitritt der ostdeutschen Länder zur Bundesrepublik - er war wohl im Rang eines Ministerialdirektors oder eines Staatssekretärs, mir gegenüber sagte er lediglich, er sei in der Besoldungsgruppe B 8, womit ich seiner Ansicht nach ausreichend über ihn informiert sein müsste -, kam eines Morgens mit schreckgeweiteten Augen auf mich zugestürzt: "Herr Hein", rief er mir zu, "ich komme gerade von einer Reise durch Thüringen und Sachsen zurück. Dort gibt es ja alle dreißig, vierzig Kilometer ein Symphonieorchester! Das müssen wir schnellstens auf bundesdeutsches Niveau bringen!" Dieser Beamte der Besoldungsgruppe B 8 war mit dem kulturellen "Aufbau Ost" beauftragt. Leseprobe

Der beinahe weltberühmte Christoph Hein hingegen, der heute 75 Jahre alt wird, bringt uns mit seinen Geschichten zwar überhaupt nicht auf bundesdeutsches, aber doch immerhin auf universelles Niveau, von dem aus wir erkennen: Leben und Schreiben und Lesen ist Selbstbehauptung.

Gegenlauschangriff

von
Seitenzahl:
122 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-46993-4
Preis:
14,00 €

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