Stand: 09.06.2020 13:27 Uhr

Wie ein Hamburger in Australien sein Glück fand

von Kerry Rügemer

Was hat der größte Goldklumpen der Welt in Australien mit Hamburg gemeinsam? Die Lösung lautet: Bernhard Holtermann! Den Namen haben Sie noch nie gehört? Kein Wunder - denn dieser Holtermann, 1838 als Sohn eines Fischhändlers in einfachen Verhältnissen in St. Georg geboren, wanderte mit 20 Jahren nach Australien aus. Dort stieß er 1872 auf einen riesigen Goldklumpen und wurde reich und berühmt!

Heute erscheint ein opulentes Fotobuch über das Leben des Hamburger Abenteurers. Während er hier in seiner Heimatstadt in Vergessenheit geraten ist, erinnert man sich in Australien noch heute an Bernhard Holtermann. Die von ihm einst in Auftrag gegebenen Fotos über das Leben in Down Under zählen heute zum UNESCO Weltkulturerbe und sind teilweise erstmals in dem neuen Buch veröffentlicht.

Der Traum vom großen Goldfund erfüllte sich

Stolz und gleichzeitig lässig blickt Bernhard Holtermann in edler Weste und mit Uhrkette und Fliege geschmückt links an der Kamera vorbei. Sein Arm ruht auf einem gigantischen Goldklumpen: "Dieses Foto hat es nie gegeben. Es ist zusammen gesetzt aus zwei Fotos. Wir haben das Original, wo er auf einen Kleiderständer gestützt steht mit seinem Arm und wir haben das Foto von dem Goldklumpen - und die beiden hat man zusammengesetzt um die Fotomontage zu erlangen", erklärt Autor Christoph Hein. Er ist seit vielen Jahren Korrespondent für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Auf einer Reise nach Australien stieß er bei einem Gespräch mit dem deutschen Konsul zufällig auf die Spuren des hierzulande fast vergessenen Bernhard Holtermann.

Der hatte keine Lust auf drei Jahre preußischen Militärdienst und verließ Hamburg 1858. Nach einer strapaziösen Überfahrt erreichte er im gleichen Jahr Australien - und wurde nach diversen Gelegenheitsjobs Goldsucher in Hill End, einem winzigen Ort, heute drei Fahrstunden von Sydney entfernt. 14 Jahre lang schürfte er, dann endlich erfüllte sich sein Traum: Am 19. Oktober 1872, morgens um zwei Uhr, wird in seiner Mine der größte Goldklumpen der Welt gefunden: 285 Kilo schwer, 1,50 lang, der geschätzte Wert heute: über drei Millionen Euro!

Die Wahlheimat mit Fotos ins rechte Licht rücken

"Er hat sein ganzes Leben lang von diesem Goldfund gezehrt, dann aber - anders als andere - nicht etwa das Gold verprasst oder den Reichtum mit in die Heimat gebracht um dort groß, mächtig, einflussreich zu werden - nein, er ist in Australien geblieben, hat sich die australische Staatsbürgerschaft beschafft und dann für das Land, das ihn reich gemacht hat, gearbeitet", erzählt Hein.

Weil Australien als einstige Sträflingskolonie damals nicht gerade den besten Ruf genoss, beschloss Holtermann, seine  Wahlheimat ins richtige Licht zu rücken. Er engagierte zwei der besten Fotografen und stattete sie mit der besten Ausrüstung der seinerzeit neu erfundenen Technik aus. So entstanden mehr als 3.000 Schwarzweiß-Fotos, die noch heute ein Augenschmaus sind!

150 faszinierende historische Fotos

"Die Bilder sind ganz einzigartig, weil sie Zeugnisse sind aus einer vergangenen Epoche, aus der es nicht viele Zeugnisse gibt. Diese Fotos erzählen uns Geschichten: Es gibt Wissenschaftler in Sydney oder eine junge Akademikerin, die sie nutzen, um die Kleidung auf den Goldfeldern im 19. Jahrhundert zu erforschen, denn sie sehen jeden Jackenknopf." Eine Familie posiert in Sonntagskleidung vor der sehr bescheidenen Holzhütte im Goldgräberdorf Hill End, ein Huhn läuft gestochen scharf durchs Bild. Ein Goldgräber lehnt in Arbeitskleidung für den Fotografen lässig neben seiner armseligen Behausung.

Die rund 150 historischen Bilder der beiden Fotografen Henry Beaufoy Merlin und Charles Bayliss sind eine wahre Pracht! Dazu der ausführliche Text über das faszinierende Leben Bernhard Holtermanns - dieser Bildband über den vergessenen Hamburger ist einfach grandios!

Zufällige Entdeckung in der Heimat

Holtermann starb viel zu früh mit 47 Jahren, vermutlich an Krebs. Bei seinen Recherchen stieß Christoph Hein übrigens auch auf eine Spur Holtermanns hier: Ein Fotoalbum im Museum für Hamburgische Geschichte, von dem bislang niemand wusste, vom wem es stammte. Autor Hein berichtet über den zufälligen Fund: "Ich habe in Sydney einen Informanten gefunden, der mir erzählte, er habe ein solches Fotoalbum und das in einem Museums in Hamburg zwischengelagert. Dann musste man halt die verschiedenen Teile dieser Geschichte zusammen bringen und am Ende kam heraus, dass in Hamburg ein wahrer Fotoschatz liegt und so sind Spuren von Holtermann sogar in seiner alten Heimatstadt in Hamburg zu finden!"

AUSTRALIEN 1872. Wie ein Deutscher sein Glück fand und Fotogeschichte schrieb

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
emons Verlag
Bestellnummer:
978-3-7408-0633-0
Preis:
39,95 €

Dieses Thema im Programm:

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