Stand: 02.09.2020 16:25 Uhr

Gefährliche Forschungsreise in den Orient

von Katrin Krämer

Christine Wunnicke hat es wieder in die Auswahl zum "Deutschen Buchpreis" geschafft, damit steht sie nun schon zum dritten Mal auf der "Longlist". Nach Meinung der Jury gehört ihr neuer Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" immerhin zu den zwanzig besten Büchern des Jahres. Ob der Roman das Zeug hat, dann auch noch das beste Buch zu werden?

Cover des Buchs "Die Dame mit der bemalten Hand" von Christine Wunnicke © Berenberg
Autorin Christine Wunnicke ist Spezialistin darin, historisch verbürgte Stoffe als Spielmaterial zu verwenden.

Nordseeblaue Augen hat der Mathematiker und Kartograf Carsten Niebuhr aus dem kleinen Lüdingworth, gelegen zwischen Elb- und Wesermündung bei Cuxhaven:

Belum, Belumer Wisch, Belumer Schanze und durch den Belumer Schlagbaum nach Hadeln. Geest, Moor und Marsch. Die bunten Tore der Höfe. Die bunte Kirche. Das flache, fette Land. Die fetten Kühe, die fetten Gänse, die fetten Schweine von Hadeln. Das Weihnachtsgebet, dass der Elbdeich nicht breche. Kommt man von einem Hof mit mehr als zwanzig Pferden, geht man zur Lateinischen Schule in Otterndörp. Leseprobe

Ein interessanter Forschungsauftrag führt in den Orient

Niebuhr, 1733 als Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren, strebt nach Höherem. Auch er besucht eine Lateinschule, geht dann zum Studium der Mathematik nach Göttingen - und bekommt den Auftrag des dänischen Königs, als Sternenkundler und Kartograf an einer Orient-Expedition teilzunehmen! Von Johann David Michaelis - Theologe und Orientalist, für den die "Gottesgelehrsamkeit eine exakte Wissenschaft ist" -, bekommt Niebuhr außerdem einen Fragenkatalog mit auf den Weg. Der Göttinger Professor erhofft sich nämlich Aufschluss darüber, was sich an den biblischen Orten genau abgespielt haben mag.

"Wenn ein Reisender", rief Professor Michaelis, "den wir für teures Geld nach Arabien schicken, nicht von vorneherein weiß, was er dort sehen soll, so wird er überhaupt nichts sehen oder nur läppischen Dreck!" Dabei schlug er die Hacken seiner Reitstiefel zusammen, in denen er stets am Katheder stand. Leseprobe

Niebuhr ist einziger Überlebender der Expeditionsteilnehmer

Niebuhr lernt Arabisch und bricht 1761 von Kopenhagen mit fünf anderen Forschern auf nach Konstantinopel. Nach und nach erkranken alle anderen Expeditionsteilnehmer schwer, Niebuhr wird der einzige Überlebende bleiben. Während der gesamten Reise zeichnet, vermisst und dokumentiert er alles, was er sieht.

Als er von Bombay aus einen Abstecher auf die kleine Insel "Gharapuri" macht, steht er vor einem geheimnisvollen verfallenen Tempel, in dem Affen, Ziegen und Schlangen hausen. So fasziniert ist er, dass er sein Schiff verpasst und - als ob das nicht Unglück genug wäre - plötzlich auch noch einen schweren Fieberanfall erleidet. In diesem elenden Zustand findet ihn nun der zweite Held des Romans, Musa al-Lahuri:

Das Gesicht des Europäers war bläulich weiß, wie entrahmte Milch. Dann keuchte er "ich, ich" auf Arabisch und dann, unter Qualen, "aus Mu-, aus Ma-, aus Makkah". Er schwankte, verdrehte die Augen und fiel dem Mann aus Jaipur besinnungslos vor die Füße. Leseprobe

"Es hat sich irgendwie ergeben, dass ich ihm diesen ausgedachten Musa al-Lahuri entgegengesetzt habe, der aus Jaipur kommt. Die Szene ist frei erfunden und ist ein Spiel mit der Kombination aus zwei Biografien", erklärt die Autorin.

Christine Wunnicke spielt mit wahren und erdachten Elementen

Christine Wunnicke hat spürbar diebischen Spaß daran, den fabulierfreudigen Astronomen aus Jaipur auf diesen merkwürdig faselnden "Kurdistan Nibbur aus Almanya" treffen zu lassen, dessen "Arabisch reichhaltig, falsch und lustig" ist. Die Autorin ist also wieder in ihrem Element. Sie ist nämlich Spezialistin darin, historisch verbürgte Stoffe als Spielmaterial zu verwenden. In diesem Fall: Niebuhrs Forschungsreise und die Errungenschaften der astronomischen Wissenschaft in Jaipur.

Und was hat es mit der titelgebenden "Dame mit der bemalten Hand" auf sich? Sie ist eins unter vielen kulturellen Missverständnissen, mit denen Christine Wunnicke in ihrer klug verschrobenen Geschichte jongliert. Denn während der "Mathematikus aus dem Bremischen" das Sternbild der Kassiopeia - wie in Europa üblich - als Abbild einer Frau deutet, sieht Meister Musa vor allem ihre rötlich schimmernde, wie mit Henna bemalte Hand.

Liebenswürdige Charaktere, abwegige Konstellationen aufeinander

Niebuhr kriegt da einen wütenden, traurigen Moment und sagt: "Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder!" Damit meint Niebuhr nicht nur die Sternzeichen. Die Szene steht für viel, was in der Geschichte vorkommt - und außerdem mag ich die Kassiopeia", sagt die Autorin.

"Die Dame mit der bemalten Hand" lebt von Christine Wunnickes wundersam liebenswürdigen Charakteren und den für sie so typischen abwegigen Konstellationen. Fundiertes Detailwissen trifft auch hier auf feinst fabulierte Pointen. Dieser furiose Wunnickesche Gedanken- und Sprachkosmos entwickelt sich auf nur 168 Seiten. Mehr Platz braucht diese Autorin nicht, um eine schillernde, eine skurrile, eine wahnwitzige Welt erschaffen, die ohne sie unerreichbar wäre und uns so sehr zu bereichern vermag.

Die Dame mit der bemalten Hand

von Christine Wunnicke
Seitenzahl:
168 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berenberg
Bestellnummer:
978-3-946334-76-7
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

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