Stand: 19.04.2018 20:02 Uhr

Spannende Mutter-Tochter-Beziehungen

Kleine Feuer überall
von Celeste Ng, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Celeste Ngs Roman "Kleine Feuer überall" wirft viele große Fragen auf.

Die amerikanische Schriftstellerin Celeste Ng, deren Eltern aus Hongkong in die USA eingewandert sind, hatte gleich mit ihrem ersten Roman "Was ich euch nicht erzählte" internationalen Erfolg. Nun ist bei uns ihr zweiter Roman "Kleine Feuer überall" erschienen, der im Jahr 1997 in einem Vorort von Cleveland, Ohio, spielt. Die Autorin selbst ist genau hier, in Shaker Heights, aufgewachsen, und sie hat keineswegs schlechte Erinnerungen an diese bewusst progressive, weltoffene Gemeinde, die sich eine ästhetisch besonders ansprechende, geordnete Umgebung zur Aufgabe macht. Aber im Roman treffen unterschiedliche Lebensmodelle aufeinander.

Ein Zustand häuslicher Perfektion

"Kleine Feuer überall" beginnt mit dem Ende der Geschichte: Mia und Pearl Warren ziehen wieder weiter, und Izzy Richardson zündet das Haus ihrer Familie an. Wie es dazu kam, erweist sich auf den folgenden, sehr spannenden 370 Seiten. Izzys Mutter hat ihr ganzes Leben lang in Shaker Heights gewohnt; ihr Großvater war einer der Gründer dieser idealistischen Kommune. Die Familie Richardson besitzt noch ein Haus, in dem ein asiatischer Busfahrer unten und eine alleinstehende Frau mit ihrer Tochter oben zur Miete unterkommen.

Die Mutter Mia, eine Künstlerin, hat ihrer Tochter Pearl versprochen, dass sie sich diesmal auf Dauer niederlassen. Bisher sind sie immer schon nach wenigen Monaten in einen anderen Bundesstaat umgezogen. Jedes Mal wurden die wenigen Habseligkeiten in den alten Golf gepackt, und es ging hinaus ins Vagabundenleben. Pearl ist überglücklich, dass sie von den vier Richardson-Kindern und deren Eltern fast als Familienmitglied aufgenommen wird.

"Später kam es Pearl so vor, als hätten die Richardsons sich zu einem Gemälde arrangiert, um ihr eine Freude zu machen, denn in diesem Zustand häuslicher Perfektion konnten sie unmöglich immer leben. Da war Mrs. Richardson, die in der Küche ausgerechnet Plätzchen backte - etwas, das ihre Mutter nie tat. (...) Da war Mr. Richardson, eine kleine Gestalt draußen auf der großen grünen Rasenfläche, der geschickt Holzkohle in einen glänzenden silbernen Grill schüttete. Da war der unglaublich gut aussehende Trip, der auf der langen Couchgarnitur lümmelte und den Arm auf der Lehne ausstreckte, als wartete er auf die Glückliche, die sich zu ihm setzen durfte. Und ihm gegenüber, in einem Lichtkegel, war Lexie, die vom Fernseher aufsah, ihre leuchtenden Augen auf Pearl richtete und sagte: 'Schau mal einer an, wen haben wir denn da?'" Leseprobe

Diverse Mutter-Tochter-Paarungen


Es geht in diesem Roman hauptsächlich um Mutter-Tochter-Beziehungen, die von jeweils ganz verschiedenen Umständen geprägt sind. Das Thema zieht sich durch ihr Werk, sagt die jetzt 38-jährige Autorin, weil sie einerseits selbst Mutter ist, andererseits auch noch als Tochter Umgang mit ihrer Mutter pflegt. Sie denkt entsprechend oft darüber nach, was es bedeutet, Eltern zu sein, was man für sein Kind tun und was das Kind allein herausfinden sollte. Das Buch handelt also von diversen Mutter-Tochter-Paarungen. Dabei gibt es einen bedeutsamen Unterschied zwischen der Mutter, die einen geboren hat, und der Mutterfigur, die man sich selbst aussucht oder die vielleicht auf einen zukommt.

Während Pearl voller Bewunderung für die Anwaltsgattin Mrs. Richardson ist, die ihren großen Haushalt tiptop im Griff hat und Artikel für die Lokalzeitung schreibt, schließt sich Izzy immer enger an die nicht so leistungsorientierte Mia an, die ihrer Leidenschaft als Fotografin nachgeht und für den Lebensunterhalt nebenher putzt und kellnert.

Große Fragen

Der Konflikt zwischen Bohème und Bürgertum ist da schon vorprogrammiert. Er erhitzt sich an dem Fall eines ausgesetzten chinesischen Babys, das Mr. und Mrs. Richardson lieber bei einem reichen kinderlosen Ehepaar aus ihrem Bekanntenkreis untergebracht wissen wollen, während Mia Warren ihre verzweifelte Kollegin aus dem Fastfood-Restaurant darin unterstützt, ihr in großer Not zurückgelassenes Kind zurückzubekommen.

Ein mit Herzblut geschriebener Roman, der viele große Fragen aufwirft, die hier nur am Beispiel einer US-amerikanischen Musterstadt illustriert werden. Wie die Widmung auf der ersten Seite völlig richtig besagt:

"Für alle, die eigene Wege gehen und überall kleine Feuer legen." Leseprobe

Kleine Feuer überall

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv Verlagsgesellschaft
Bestellnummer:
978-3-423-28156-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.04.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Celeste-Ng-Kleine-Feuer-ueberall,celesteng104.html

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