Stand: 27.10.2017 10:30 Uhr  | Archiv

Ein Musikarchiv voller Schätze

von Dagmar Penzlin

Verlage besitzen Macht und bestimmen die Musikgeschichte mit. So haben starke Persönlichkeiten des Ricordi-Verlags Komponisten wie Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini nicht nur eine verlegerische Heimat geboten, sondern ihnen auch künstlerische Impulse gegeben. Einblicke in die wechselvolle Verlagsgeschichte und die Schätze des historischen Ricordi-Archivs bietet der neue Bildband "Eine Kathedrale der Musik. Das Archivio Storico Ricordi".

Mailand, im Januar 1808: Giovanni Ricordi gründet den Verlag Ricordi. Der ausgebildete Geiger und Kopist ist fleißig und schließt Verträge mit immer mehr Theatern, um deren Noten-Wünsche zu erfüllen. Ricordi hat einen Riecher für Qualität: Giuseppe Verdi veröffentlicht bald bei dem neuen Verlag seine Opern - 1842 auch schon den Welterfolg "Nabucco".

Der Gefangenenchor - im Bildband lässt sich auf einer Doppelseite der Beginn des berühmten Chores betrachten, wie ihn Verdi mit präzisem Federstrich auf das Notenpapier geschrieben hat. Man sieht, wie vergilbt das Papier schon ist. Zugleich lässt sich bewundern, mit welcher Sorgfalt Verdi jede kleine Vortragsanweisung notiert, ja fast gezeichnet hat - hier noch ein kleines Staccato-Pünktchen, da noch mit schön gewölbten Bindebögen Noten zu einer Phrase geformt.

Das sind die ganz großen Schätze des Archivs: die knapp 8.000 handschriftlichen Partituren von bedeutenden Komponisten - und darauf wirft auch der Bildband Schlaglichter. Gioacchino Rossini, Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini hatten Verträge mit Ricordi, später auch Avantgardisten wie Luigi Nono oder Luciano Berio - um nur einige wenige Namen zu nennen. Verdi veröffentlichte bis zu seinem Tod 1901 fast alle seine Werke bei Ricordi. Besonders der Enkel des Gründers, Giulio, hatte einen guten Draht zu ihm und verstand sich als Verleger-Impresario.

Reproduktionen von hervorragender Qualität

Der Bildband dokumentiert, wie eng Giulio Ricordi das Entstehen und die Wirkung der Kompositionen begleitete. So gibt es ein Textbuch zu Verdis "Otello", in dem Ricordi die Reaktionen des Publikums bei der Uraufführung mit Bleistift in großen Lettern notiert hat. Auch wer wann Applaus bekam. Alles gut nachlesbar dank der hervorragenden Reproduktionen im Buch.

Giulio Ricordi entdeckt schließlich Giacomo Puccini. "Puccini hat unserer Meinung nach diese besondere Eigenschaft, dass er Ideen im Kopf hat - und diese hat man oder man hat sie nicht", so Giulio Ricordi 1885.

Er führt den Verlag auf den Zenit seines Erfolgs. Das wechselvolle 20. Jahrhundert schüttelt schließlich die Geschäfte des Verlags durch. Die historischen Hintergründe zeichnet die Romanistin Caroline Lüderssen pointiert nach und verbindet so den Reigen optischer Schlaglichter. Historische Schwarz-Weiß-Fotografien lassen die Verlagsgeschichte lebendig werden mit ihren markanten Verlegerpersönlichkeiten und den Niederlassungen in aller Welt.

Dokumente der Musikgeschichte

Viele großformatige, farbprächtige Reproduktionen spiegeln die jeweilige Ästhetik wider: Selbst die Werbeplakate und Umschläge der Notenbände sind künstlerisch gestaltet. So zeigt die Titelseite zur 1959 uraufgeführten Telefon-Oper "Die menschliche Stimme" von Francis Poulenc, schlicht mit hellblauer Kreide skizziert, das Gesicht einer Frau, auf dem sich Trauer und Wut mischen. In der Hand hält die Verlassene einen Telefonhörer, aus dem das Gesicht eines Mannes erwächst.

Hinzu kommen Aufführungsbilder etwa der spektakulären Inszenierung von Puccinis "Mädchen aus dem Goldenen Westen" 1910 in New York. Das Ensemble um Startenor Enrico Caruso wirkt auf diesem Schwarz-Weiß-Foto wie den Vätern der Klamotte entsprungen: mit großen Bärten und expressionistisch geschminkt. Ein Bildband für Opernfans und für alle, die Kulturgeschichte lieben.

Eine Kathedrale der Musik - Das Archivio Storico Ricordi

von Caroline Lüderssen
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Gebundenes Buch, Leinen mit Schutzumschlag, 21,5 x 27,5 cm, 147 farbige Abbildungen, 52 s/w Abbildungen
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-3-7913-5624-2
Preis:
49,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.10.2017 | 17:40 Uhr

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