Stand: 23.10.2016 16:20 Uhr

Carolin Emcke: Clausnitz hat mich erstaunt

Carolin Emcke hat als Reporterin von den Grausamkeiten aus den Krisenregionen der Welt berichtet, aber auch über die alltäglichen Diskriminierungen und Ausgrenzungen in Deutschland und Europa. Seit Jahrzehnten tut sie dies, am Sonntag erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ihr Werk sei "Vorbild für gesellschaftliches Handeln in einer Zeit, in der politische, religiöse und kulturelle Konflikte den Dialog oft nicht mehr zulassen", so die Jury. NDR Kultur hat vor der Verleihung mit ihr gesprochen.

In Ihrer Rede zur Eröffnung der Ruhrtriennale sagten Sie, dass Sie daran zweifeln, ob das Reden tatsächlich helfen kann, die aktuellen gesellschaftlichen Konflikte in Deutschland zu lösen. Warum diese Skepsis?

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Carolin Emcke © imago/Sven Simon Foto: Sven Simon

Carolin Emcke: Für Freiheit und gegen den Hass

Carolin Emcke denkt laut nach und lässt uns daran teilhaben - in Reden, Büchern und Artikeln. Die Publizistin erhält dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. mehr

Carolin Emcke: Normalerweise habe ich gar keine Begabung zum Pessimismus. Ich bin normalerweise immer damit befasst, nach Möglichkeiten des Dialogs und nach Möglichkeiten des Handelns zu suchen. Ich habe nur den Eindruck, dass zur Zeit die Form der Auseinandersetzung ungeheuer aggressiv geworden ist. Dass es eine derart polarisierte aufgespaltene gesellschaftliche Situation gibt, in der enthemmt und ressentimentgeladen nicht mehr miteinander gesprochen wird, sondern sich gegenseitig denunziert und gegeneinander gehetzt wird.

Insofern ist das zur Zeit eine Situation, in der Menschen wie ich, die öffentlich schreiben, sich auch fragen: Was kann ich tun, um diese Sorte von Hass auch einzuhegen und zu unterwandern? Ich glaube, dazu gehört, dass man sich auch selbstkritisch befragt:. Ist das eine Situation, in der man so einfach in die Öffentlichkeit hineinsprechen kann? Und manchmal hat man auch Angst davor, wie die Reaktionen sein könnten. Nichtsdestotrotz muss man natürlich sprechen und schreiben und natürlich versuche ich in meinem neuen Buch auch genau, diese Verstörung und auch Verunsicherung zu überwinden.

"Gegen den Hass" heißt ihr neues Buch. Sie setzen sich damit auch mit dem ausländerfeindlichen Vorfall aus Clausnitz auseinander, bei dem ein Bus mit Flüchtlingen von einer Gruppe pöbelnder Menschen blockiert wurde....

Emcke: Vor jeder Empörung und vor jedem Entsetzen über diese Szene lag bei mir eigentlich das Staunen, wie Menschen vor einem solchen Bus stehen können und durch die Scheibe hinein in das Businnere schauen können, und da sehen sie zwei junge Frauen, die sich aneinander festhalten vor Angst. Einen Jungen, der offensichtlich weint vor Angst. Und man fragt sich ja schon: Was sehen die eigentlich? Wie kann es gelingen, in diesen Bus zu schauen, ganz offensichtlich verängstigte Menschen zu sehen - und die da draußen stehen, sehen weder die Angst noch sehen sie überhaupt, dass das Menschen sind. Sie brüllen sie an als wären es Invasoren.

Mir liegt jetzt gar nicht, diese Menschen, die da draußen vor dem Bus standen zu dämonisieren und mir liegt auch nicht, sie als Personen abzuwerten. Mich interessiert der Vorgang. Was muss vorab geschehen sein, damit der Blick so gefiltert und so vorgeprägt ist, damit man fähig ist, Menschen so anzubrüllen. Was man betrachten und, so hoffe ich, auch einhegen kann, sind all die Diskurse, all die Texte, all die Filme, all die Gespräche, all die Talkshows, in denen diese Blicke vorgeformt werden. In denen die ideologischen Muster geformt werden, damit eine einzelne junge syrische Geflüchtete überhaupt nicht mehr als Mensch gesehen wird, sondern nur noch als Bedrohung. Diese Muster, die das bewirken und kanalisieren, die kann ich vorab oder nachträglich verändern.

Nun gibt es viele Kommentare, die sagen, dahinter steckt auch die Angst. Es sind nicht nur Menschen, die sich auf rechten Foren aufhalten, sondern es sind Menschen, die sich Sorgen machen - sogenannte "besorgte Bürger". Haben Sie für diese Angst Verständnis?

Emcke: Ein bisschen ist die Frage, wovor genau man Angst hat und wie man die Angst oder die Sorge artikuliert. Selbstverständlich gibt es eine Vielzahl von Fragen, die sich stellen lassen in Bezug auf 800.000 Hinzugezogene oder Geflüchtete. Wo sollen sie untergebracht werden? Wie verhindert man, dass jetzt schnell und eilig Massenunterkünfte gebaut werden, die dann, wie wir das in Frankreich erleben, langfristig tatsächlich eher zu so etwas wie Slums führen, in denen auch politische und soziale Unruhe gebrütet wird?

Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Fragen, die politisch verhandelt und diskutiert werden müssen. Sie werden ja auch diskutiert. Nur jede Sorge muss sich auch einer Realitätsprüfung unterziehen lassen. Und der Teil, der mich beunruhigt an der gegenwärtigen Diskussion ist, dass mit der Sorge eine rhetorische Ummantelung von Ressentiment, Vorurteil und Rassismus gepredigt wird. Dass Sorgen und Gefühle in der Öffentlichkeit nicht mehr befragt werden dürfen ob ihrer Angemessenheit.

Das Gespräch führte Jan Ehlert. Es ist ein Auszug aus der Sendung "Klassik à la carte" vom 19.10.2016 auf NDR Kultur.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 19.10.2016 | 13:00 Uhr

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