Stand: 02.07.2018 11:47 Uhr

Selbsterfahrung am Sterbebett des Vaters

Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!
von Carmen-Francesca Banciu
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Der Roman, der in Bukarest geborenen Autorin, handelt vom Umgang mit dem Abschied von den Eltern und deren Lebenslügen.

Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hat 1991 dazu geführt, dass die aus Bukarest stammende Schriftstellerin Carmen-Francesca Banciu nicht nach Paris, sondern nach Berlin auswanderte. In Rumänien bleiben wollte sie auf keinen Fall. Bis heute ist sie in Berlin zu Hause und veröffentlicht ihre Bücher, wie den Roman "Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!" bei der PalmArtPress, einem von einer Amerikanerin geführten, sehr international ausgerichteten Berliner Kleinverlag.

Auf dem Umschlag ist ein gezeichneter Rabe zu sehen und das Foto einer kleinen Schulanfängerin mit Blumenstrauß, mutmaßlich aus dem Album der Autorin selbst. Denn dieser Text handelt von ihr und ihrer Beziehung zum übermächtigen Vater. Dort heißt es:

"Nach dem Tod wird er ein Rabe sein
So hatte er sich das vorgestellt
Nach dem Tod wird er ein Rabe sein
Und kein Löwe, wie es in seinem Horoskop steht
Nach dem Tod wird er ein Rabe sein
Mit pechschwarzem, schimmerndem Federkleid
Nach dem Tod wird er ein Rabe sein
Mit glänzendem Schnabel
Die Füße mit Goldschuppen geziert
Nach dem Tod wird er ein Rabe sein
Und so ist es auch gekommen" Leseprobe

In dieser freien Versform, mit manchmal quälenden Wiederholungen, ist der ganze Text geschrieben. Das gibt ihm etwas Eindringliches und etwas Erhabenes, Feierliches. Und genau darum geht es Carmen-Francesca Banciu. Sie bringt damit die Intensität ihres Gefühls für den Greis zum Ausdruck, der in dieser Geschichte nach einem Unfall im Krankenhaus liegt.

Systemtreue bis zum letzen Atemzug

"Mein Vater kam aus einer sehr armen Familie, das nannte man in Rumänien damals gesunde Wurzeln, ja, und er hatte sehr viel Charisma, wurde von der Partei entdeckt und zur Schule geschickt. Mein Vater war ein Kommunist durch und durch, er glaubte an das System bis zu seinem letzten Atemzug. Wir haben es nicht richtig hingekriegt, aber wir müssen das weiter perfektionieren, das war sein Gedanke," so die Autorin.

Carmen-Francesca Banciu wurde 1955 geboren, und ihr Vater zog sie mit hehren Idealen groß.

Der vermeintliche Verrat

"Ja, die menschlichen Qualitäten, die uns beigebracht wurden, den Mut zu Kritik und die Wahrhaftigkeit, das habe ich sehr ernst genommen, und weil ich es so ernst genommen habe, bin ich sehr früh in Konflikt mit dem System gekommen, und zwar mit 16. Mein Vater hat ab dem Moment mit mir viele, viele Jahre nicht gesprochen", erzählt Banciu.

Als Tochter eines hohen Parteifunktionärs ging Banciu auf ein Internat.

Dort wurde ihr nahegelegt, die deutsch sprechenden Mitschüler, deren Sprache sie selbst gut sprach, zu bespitzeln. In ihrer naiven Vorstellung ging das gegen die Moral der Partei, und sie machte den geheimen Auftrag öffentlich. Fortan hatte sie eine Akte und eckte immer wieder an.

Brüchiger Idealismus

Trotzdem verließ sie das Land erst im Alter von 35 Jahren. Und bis heute beschäftigt sie, wie ein strahlender Heldenvater zugleich ein korrupter Tyrann sein und wie eine schöne Idee zu so viel Elend und Leid führen konnte.  

"Es ist eine Geschichte, die sehr bezeichnend ist für eine bestimmte Zeit, für ein bestimmtes System. Auch die Liebe, die außerhalb der Ehe stattgefunden hat, war immer etwas verbunden mit der Arbeit und mit dem Glauben an das System und das Aufbauen einer neuen Gesellschaft. Das kommt aus diesem Enthusiasmus, so wenigstens haben sie es geglaubt. Das ist eine Art von Amoral, die mit inbegriffen war, wo alles geteilt wird."

Als die Tochter ihn auf dem Sterbebett besucht, ist sie für den Vater immer noch die Verräterin. Zwei Geliebte, die ihn über Jahrzehnte mit der Ehefrau geteilt haben, kümmern sich um den alten Mann. Auf über 350 Seiten lässt uns die Verfasserin dieses Prosagedichts teilhaben an ihrer Hoffnung auf Aussöhnung und ihrer abgrundtiefen Irritation über eine Lebenslüge, die auch im Angesicht des Todes nicht berichtigt werden kann. Das ist herzergreifend und lehrreich zugleich. Eine besondere literarische Leistung.

Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten!

von
Seitenzahl:
380 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
PalmArtPress
Bestellnummer:
978-3-9625-8003-2
Preis:
25,00 €

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