Callan Wink: "Big Sky Country" © Suhrkamp

Callan Wink: "Big Sky Country"

Stand: 19.02.2021 10:36 Uhr

Literarisch ist Amerika die Heimat des Coming-of-Age-Romans: Kaum ein Genre ist dermaßen präsent, in Film, Video oder Literatur. Jetzt kann man wieder einem Jugendlichen beim Heranwachsen zusehen.

von Peter Helling

Im Original heißt der Roman "August", nach dem Vornamen seines Protagonisten. Im Deutschen: "Big Sky Country". Geschrieben hat ihn der 1984 geborene Callan Wink. August ist zwölf. Er lebt auf der Milchfarm seines Vaters im flachen Michigan, seine Mutter nur ein paar Schritte weiter im alten Teil des Hofs: Die Eltern haben sich auseinandergelebt.

Katzen töten als Nebenjob

Am liebsten isst August abends bei seiner Mutter. "Dad hat mir einen Job gegeben", sagt er, "Für Geld". Der Job, den ihm sein Vater angeboten hat? Er soll die Katzen auf dem Dachboden der Scheune töten, für einen Dollar pro Stück.

Der einen brach er mit einem schnellen Hieb das Rückgrat, die andere erwischte er mit einem kurzen Schlag am Kopf. Er sah im Dunkeln kaum, wie sie sich wanden. Er brachte das Jaulen mit je einem Hieb zum Verstummen. Leseprobe

Diese leise Brutalität durchdringt Callan Winks Roman wie ein dumpfer Pulsschlag. Aber August scheint immer daneben zu stehen, wenn es kracht. Er und seine Mutter ziehen irgendwann ins schöne, aber provinzielle Montana. Da ist August fünfzehn, die Familie ist endgültig zerbrochen. Beinahe lautlos.

Der Umzug nach Montana bringt keine Verbesserung

Aber das Leben fängt immer noch nicht an. Auch das Buch tritt auf der Stelle: Immer wieder meint man, jetzt passiere etwas, ein Schub, eine Katastrophe, ein unerwarteter Glücksmoment. Aber weit gefehlt. Erzählerisch ist das erst mal interessant. Dass hier Leben geschieht, beinahe ohne Konsequenz. Nur leider bleiben die Figuren, vor allem die weiblichen, dafür viel zu leblos.

Sie lächelte, hatte aber offensichtlich eben noch geweint. Sie kniff die Augen zusammen und trat demonstrativ einen Schritt zurück, um ihn sich besser anzuschauen. "Augie, bist du das?", fragte sie. "Meine Güte, du bist ja ein Riese geworden." Leseprobe

August wächst, aber mehr in sich hinein. Seine hippiehafte Mutter qualmt Zigarillos, immer wieder ruft der Vater an, erkundigt sich. Der Roman ist im Prinzip die Verweigerung von Dramatik. Da ist Nine Eleven als dunkler Fixstern, ein andauerndes Trauma. August lernt Football-Spielen, hat den ersten Sex mit der zehn Jahre älteren Nachbarin. Ein älterer Schulfreund wird Soldat, kommt in Afghanistan ums Leben.

Die Romanfiguren bleiben farblos

Anders als von seiner Mutter geplant, will August nicht studieren. Sondern schlägt sich nach der Schule auf einer abgelegenen Ranch herum - bei Ancient und Kim.

"Vielleicht reden die Leute ja auch über mich", sagte August. Ancient sah ihn an und trank einen Schluck Kaffee. Er schüttelte den Kopf. "Über dich redet keiner, Cowboy. Tut mir leid, dich zu enttäuschen." Leseprobe

August, über den keiner redet, betritt also das amerikanische "Heartland". Eine sterbende Gegend, keine Jobs, Tiefkühl-Burger, vergiftete Flüsse, Gewalt und verlorene Illusionen. Callan Wink zeichnet in "Big Sky Country" ein Porträt Amerikas von heute, als Reihung von Episoden.

Aneinander gereihte Ereignisse zeichnen ein Porträt der USA

Bei aller Detailfreude und zelebrierter Ereignislosigkeit bietet der Roman keine zweite Ebene, keine Gegenwelt, die den spröden Alltag durchdringt. Nur eine echte menschliche Katastrophe, die fast im Vorbeigehen stattfindet: eine Gruppen-Vergewaltigung bei einer Party, deren Zeuge August wird und an der er, schwer betrunken, beinahe teilnimmt. 

Als August dran war, war June verstummt; sie konnte sich nicht mehr auf Händen und Knien halten und kippte auf die Seite. Sie hatte wieder gekotzt, und als er es auf seinen Händen roch, ging gar nichts mehr. Leseprobe

Dieses Verbrechen wird, wie fast alles hier, zu einer Tapete. Callan Winks "Big Sky Country" ist ein Setzkasten amerikanischer Mythen. Von Rodeo bis zum rostigen Pick-Up-Truck, alles dabei. Die popkulturellen Requisiten der USA, tausendfach gesehen, verbinden sich aber nicht zu einer Geschichte. Stattdessen: der Stumpfsinn einer Jugend im Nirgendwo. Es hätte Poesie werden können.

Big Sky Country

von Callan Wink, aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer
Seitenzahl:
378 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
ISBN 978-3-518-42983-9
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.02.2021 | 12:40 Uhr

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